Auf dem Platz demonstrieren manche Profis ihren Glauben ganz offen
"Und vorne hilft der liebe Gott"

Bei der Fußball-WM haben sie wieder Hochsaison: Retter, Erlöser, Heilsbringer, Flanken- und Fußballgötter. Für den Sieg wird gebetet, vor dem Elfmeter bekreuzigt sich der Schütze, der Torwart hat ein Bild des Papstes in der Tasche, und vorne, so meinen viele, hilft der liebe Gott. Der Fußball ist reich an religiösen Bildern, Ritualen und Vergleichen - oft nicht zur Freude der Kirchen.

WiWo/ap FRANKFURT/MAIN. "Sind Fußballer unsere wahren Götter?" wird etwa derzeit auf Plakaten der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) gefragt. EKD-Sprecher Thomas Krüger mahnt trotz eines gewissen Verständnisses für die Begeisterung der Fans vor einer Überhöhung der Idole: "Die Fans sollten ihr Lebensglück nicht ausschließlich vom Wohl und Wehe ihrer Elf abhängig machen. Dann wird der 'Fußballgott' zum Götzen."

"Die Menschen verehren Fußballer als Idole, als Volkshelden", sagt Michael Kühn, Sportbeauftragter der katholischen Kirche. "Weil ihnen die Worte fehlen, greifen sie zum Wort "Gott'. Damit wollen sie dann sagen: "Du bist der Größte, der Beste'." Das führe zu einer Inflation des Wortes Gott.

Als Schalke 04 im vergangenen Jahr in allerletzter Minute die Meisterschaft verlor, klagte Manager Rudi Assauer, er habe den Glauben an den Fußballgott verloren. "Hinter solchen Äußerungen steckt ein antikes, oft heidnisches Gottesverständnis", sagt Kühn. "Ein Gott, der irgendwo da oben sitzt und die Ergebnisse auswürfelt, ist nicht unser christlicher Gott. Über Sieg und Niederlage entscheidet die Tagesform und nicht der liebe Gott. Der Mensch steht auf dem Fußballplatz."

Dass Gott beim Fußball die Finger im Spiel hat, wollte einst auch der frühere argentinische Weltstar Diego Maradona glaubhaft machen. Er hatte bei der WM 1986 mit der Hand ein irreguläres Tor erzielt und danach behauptet, es sei die Hand Gottes gewesen. Doch selbst der frühere deutsche Nationaltorhüter Toni Schumacher, sonst immer für einen Spruch zu haben, wollte das nicht glauben: "Für so was hat der liebe Gott keine Zeit", erklärte er erst kürzlich in einem Rückblick.

Auf dem Platz demonstrieren manche Fußballer ihren Glauben ganz offen. T-Shirts mit Aufschriften wie "Jesus liebt dich", die beim Torjubel unter dem Trikot entblößt werden, sind in der Bundesliga besonders bei brasilianischen Fußballern beliebt - etwa bei den in der abgelaufenen Saison für Leverkusen tätigen Lucio und Zé Roberto oder dem Nürnberger Cacau. Andere wie die deutschen Nationalspieler Marco Bode oder Heiko Herrlich bezeichnen sich zwar als gläubig, tragen das aber mentalitätsbedingt weniger plakativ zur Schau.

"Der Glaube muss auch Niederlagen hinnehmen"

Ein gelungenes Beispiel für das unverkrampfte Miteinander von Fußball und Kirche sieht Krüger etwa in der Kapelle, die im neuen Stadion in Gelsenkirchen "Auf Schalke" eingerichtet wurde. Für Anhänger des 1. FC Köln gibt es sogar einen frommen Fanclub: Unter dem Dach zweier Kirchengemeinden wurde 1999 "Tora et Labora" gegründet. Prominentestes Mitglied ist mittlerweile der Weihbischof Manfred Melzer.

EKD-Sprecher Krüger fände es sogar nicht verwerflich, für einen Sieg der eigenen Mannschaft zu beten. "Aber sich mit einem solchen Anliegen an Gott zu wenden, heißt auch zu akzeptieren, wenn er es nicht erfüllt. Der Glaube muss auch Niederlagen hinnehmen." Die Mitglieder von "Tora et Labora" können ihm da nur zustimmen. Der 1. FC Köln ist gerade nach einer beispiellosen Negativserie aus der Bundesliga abgestiegen.

David Kadel: "Fußball Gott - Erlebnisberichte vom heiligen Rasen" - Gerth Medien - ISBN 3-89437-764-X

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