Auf dem Sprung an die AOL-Spitze
Jonathan Miller: Der Vertrauensmann

Er ist Topkandidat für den Chefposten bei AOL - ein schwerer Job. Jonathan Miller soll das Vertrauen von Mitarbeitern und Investoren in AOL zurückgewinnen.

Eigentlich hatte er ganz andere Pläne. Er wollte unbedingt Chef eines Internet-Startups werden. "Ich brauche einen körperlichen Schock und eine echte mentale Herausforderung." Das erklärte Jonathan Miller Ende Juni, als er seinen Job als zweiter Mann beim Internet- und Medienunternehmen USA Interactive kündigte.

Aus dem Chefposten bei einer jungen Firma wird wohl nichts. Doch der Schock und die Herausforderung werden bei seinem neuen Job nicht ausbleiben. Miller steht davor, neuer Chef des weltgrößten Internet-Zugangsanbieters AOL zu werden. Der 45-Jährige dürfte sich damit gegen zahlreiche Kandidaten aus der US-Medienszene durchgesetzt haben. Er wäre einer der ersten externen, die eine Top-Position im Konzern erhalten. Er würde Nachfolger von Robert Pittman, der den Posten im April kommissarisch übernommen hatte, dann aber Mitte Juli aufgab.

Die Herausforderungen, die auf den neuen Chef des AOL-Time-Warner AOL-Geschäftsbereiches zukommen, sind beachtlich: Miller muss eine Strategie entwickeln, die beide ehemals unabhängige Unternehmen AOL und Time Warner so integriert, dass sie gemeinsam mehr darstellen, als die Summe ihrer Teile.

Wie das geschehen soll, kann derzeit niemand sagen. Auch Miller macht sich hinsichtlich der Probleme beim Zusammenführen - der Konvergenz - alter und neuer Medien nichts vor. "Beim Warten auf Konvergenz sind in der Vergangenheit schon einige Unternehmen Pleite gegangen", sagte der Mann, der über breite Erfahrungen im Internet und in klassischen Medien verfügt, in einem früheren Interview.

Der Sinn für trübe Realitäten ist nötig, um das Vertrauen der Investoren wiederherzustellen. Die hatten den überzogenen Voraussagen des ehemaligen AOL-Chefs Pittman zu lange vertraut und wurden dann vom niedrigen Wachstum bei AOL überrascht. Im April musste bereits Pittmans Vorgänger Barry Schuler gehen.

Der große, schlaksige Medienmanager muss also vor allem darum kämpfen, das Vertrauen der Investoren zurückzugewinnen. Kein leichter Job: Die US-Börsenaufsicht SEC und das Justizministerium ermitteln bei AOL wegen Ungereimtheiten in der Bilanz, und der Aktienkurs bewegt sich nahe dem Vierjahrestief. Auch intern wird Miller, der unter ehemaligen Kollegen als bescheiden und umgänglich gilt, tiefe Risse kitten müssen. Denn das schlechte Geschäft von AOL belastet den ganzen Konzern. Längst diskutieren die Mitarbeiter des Mediengeschäftsbereichs Time Warner ganz offen, ob die Fusion mit AOL nicht wieder rückgängig gemacht werden könne. Durch solche Überlegungen ist die Arbeitsmoral bei AOL auf dem Tiefpunkt angelangt.

Miller hat als Externer bessere Chancen, die nötigen Brücken zwischen den Unternehmensteilen zu bauen, als AOL-Time-Warner-Manager, die sich Hoffnungen auf den Chefposten gemacht hatten. "AOL braucht jemanden, der eine neue Sichtweise einbringt", merkt Rob Lancaster an, Analyst bei der Unternehmensberatung Yankee Group.

Branchenkenner halten deshalb Miller für eine gute Wahl. Er gilt als der Typ des energiegeladenen Optimisten, der AOL wieder nach vorne bringen kann. Er hat so viel Eigeninitiative, dass sie selbst sein kritischer Ex-Chef Barry Diller bei Millers Abschied von USA Interactive würdigte: "Er war einer der besten Köpfe hier, hatte aber zunehmend Interesse daran, unternehmerisch zu wirken."

Ob Miller seinem Unternehmergeist bei AOL freien Lauf lassen kann, ist indes fraglich. Schließlich untersteht er bei AOL Time Warner dem Manager Don Logan, der das Internet selbst einmal als "schwarzes Loch für Finanzen" bezeichnete. Zudem scheint durch das Erstarken der alten Garde von Time Warner das Geschäft von AOL mit immerhin 35 Mill. Abonnenten vorerst in den Hintergrund gedrängt.

Doch Miller ist Gegenwind gewöhnt. Als Internet-Geschäftsmodelle fast überall verpönt waren, suchte er als rechte Hand von Barry Diller nach neuen E-Commerce-Gelegenheiten für USA Interactive. Er war zuständig für neue Dienste bei Internet-Töchtern wie Expedia.com, Hotels.com und Ticketmaster.com. Zudem bringt er Erfahrungen bei traditionellen Medien wie dem TV-Sender Nickelodeon und dem Einkaufskanal Home Shopping Network für den neuen Spitzenposten mit.

Was ist aber, falls Jonathan Miller trotzdem beim Mediengiganten AOL scheitern sollte? Vielleicht wird er sich dann ärgern, dass er damals seine Pläne geändert hat, Chef einer hoffnungsvollen, kleinen Start-up-Firma zu werden.

Quelle: Handelsblatt

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%