Auf dem Weg zum Qualitätsindex
Nemax-Krise beutelt auch Schwergewichte

Kurz vor seinem fünften Geburtstag beutelt die Krise am Neuen Markt zunehmend auch die Schwergewichte des Börsensegments.

dpa FRANKFURT. Ob Pleite, Billigaktie oder Manipulationen, alle Probleme der Wachstumsbörse spiegeln sich im Auswahlindex Nemax 50 wider. Gerade die vergangene Woche glich einem Horrortrip: D.Logistics geriet in akute Finanznot. Der Glasfaser-Betreiber Carrier 1 meldete Zahlungsunfähigkeit an. Dem Telematik-Hersteller Comroad kündigten die Wirtschaftsprüfer von KPMG den Prüfauftrag, nun ermitteln die Behörden.

Der Ausleseprozess hat nach Einschätzung der Finanzbranche aber auch sein Gutes. "Die Fantasiewerte fallen raus und werden durch Qualität ersetzt", argumentiert der Aktienstratege von West LB Panmure, Andreas Hürkamp. Die Entwicklung braucht Zeit. "Aus dem Nemax 50 wird erst Ende 2003 wieder ein Qualitätsindex". Aber schließlich sind auch an der US-Technologiebörse Nasdaq rund 90 Prozent der Firmen aus der Anfangszeit vom Kurszettel verschwunden, betont eine Börsensprecherin.

Lichtjahre vom Rekordwert entfernt

Die Kursmisere hält derweil an. Der Nemax 50 strampelt um die 1 000 Punktemarke - dem Ausgangsniveau vom 30. 12. 1997. Das ist Lichtjahre entfernt von seinem Rekordwert von 9 034 Punkten in seinen Glanzzeiten. Eine wichtige Voraussetzung für eine Kurserholung wäre nach Ansicht des Fondsmanagers von Union Investment, Ronny Ruchay, aber ein Ende der Negativ-Schlagzeilen bei den großen Nemax-Werten.

Gleich mehrfach machte in der vergangenen Woche Comroad Schlagzeilen. Der Telematik-Spezialist ist die erste börsennotierte Gesellschaft, der die KPMG nach eigenen Angaben fristlos den Auftrag kündigte. Die Prüfer hatten "begründete Zweifel an der Vertrauenswürdigkeit" des Automobilzulieferers. Wegen des Verdachts auf unseriöse Geschäftspraktiken schaltete sich die hessische Börsenaufsicht ein.

Pleiten und Insolvenzen

Auch was Pleiten anbelangt, "kommt das dicke Ende erst noch", warnt Ulrich Hocker von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). 2001 meldeten sich etwa 20 Unternehmen zahlungsunfähig, darunter ehemalige Börsenlieblinge wie Kinowelt oder Brokat. Hürkamp rechnet 2002 mit bis zu 20 Pleiten und längerfristig mit bis zu 15 Insolvenzen. Am Freitag ging der Glasfaser-Spezialist Carrier 1 aus dem Nemax 50 pleite. Am Montag setzte der Grafikkarten- und Netzwerk-Spezialist Elsa die Serie fort.

Als akut gefährdet gilt auch der Logistik-Dienstleister D.Logistics. Der Nemax 50-Wert schockierte die Anleger am Donnerstag mit deutlich verfehlten Ergebniszahlen und einem Liquiditätsengpass in Millionenhöhe. Gestern holte das Unternehmen gerade einmal 19 Tage nach seinem Abschied den ehemaligen Vorstandschef und Gründer Detlef Hübner wieder an Bord.

Mit Rauswurfregeln Ordnung schaffen

Selbst eine Billigaktie hat der Auswahlindex zu bieten. Als Penny Stocks gelten Aktien, deren Kurs unter einen Euro fällt und deren Börsenwert 20 Mill. Euro unterschreitet. Heyde notiert bei knapp 0,40 Euro, der Börsenwert beträgt etwa 19,7 Millionen Euro. Das hessische Unternehmen verdoppelte binnen eines Jahres seine Verluste, der Vorstandschef nahm seinen Hut, die liquiden Mittel sind knapp.

Bleibt es in den nächsten Monaten bei diesem Niveau, greifen die Ausschlussregeln der Börse für den Neuen Markt. Mit strengeren Regeln für Quartalsberichte, der Meldepflicht für Wertpapiergeschäfte des Managements und mit den Rauswurfregeln versucht die Börse, im Wachstumssegment auszumisten. Allerdings ist juristisch nicht geklärt, ob die Börse die Ausschlussregeln einseitig einführen durfte. "Das ist unter Fachjuristen heiß diskutiert", sagt Klaus Härle, Richter am Oberlandesgericht Frankfurt.

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