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Auf den Hund gekommen

Wenn eines derzeit zunehmend zum Alltag in Tokios Straßen gehört, dann sind es kleine Hunde in Mäntelchen und Mützchen.

Wenn eines derzeit zunehmend zum Alltag in Tokios Straßen gehört, dann sind es kleine Hunde in Mäntelchen und Mützchen. Und wer sich wie ich über Baskenmützen oder ganz aktuell Kopfbedeckungen mit schwarzen Mausohren zu Halloween eigentlich nur aufregen kann, dem bleibt nichts übrig als seufzend die riesige Kluft zwischen sich selbst und der wachsenden Schar konsumverliebter Hundebesitzer in Japan zu konstatieren. Worte helfen nichts, denn Hund muss in Japan vor allem eins sein: "kawai" oder süß auf gut deutsch. Und da gehören Mäntelchen - am besten von Gucci, Burberry oder Adidas - schon fast zum guten Ton.

Japans Haustiermarkt schätzt die Vereinigung der Tierhandlungen auf umgerechnet 12,5 Milliarden Euro. Tendenz steigend. Und vor allem kleine Hunde und Katzen sind beliebt, weil mehr Stadtwohnungen Haustiere zulassen. Von dem boomenden Markt wollen sich viele eine Scheibe abschneiden.

Im Tofu-Restaurant in der Einkaufs- und Büroanlage Roppongi-Hills etwa müssen Besucher der Außenterasse aufpassen, dass sie nicht zufällig das falsche Mittagsgericht bestellen. Das schmackhafter klingende Dreigangmenü mit Tofudessert für 630 Yen oder 4,70 Euro ist das "Hündchen-Menü" (wörtliche Übersetzung). Versicherungsunternehmen werben, ihre Autoversicherung decke auch den Hund ab, andere bieten Krankenversicherungen extra für die Vierbeiner an.

Autobauer Honda stellt zur gerade laufenden Tokyo Motor Show eine eigens für Hundebesitzer entwickelte Studie vor - ins Handschuhfach passt der Dackel oder Chihuahua. Für größere Vierbeiner kann die mittlere der drei Sitzreihen zur Hundebox umfunktioniert werden. Holzfußboden und abwischbare Sitze sollen Hundehaare zum Kinderspiel machen. Soweit geht BMW nicht, verkauft seinen Kunden aber ein extra Anschnallsystem für die Hunde auf dem Rücksitz.

Mittlerweile gibt es mit 19 Millionen mehr Hunden und Katzen in Japan als Kinder unter 15 Jahre. Das sorgt die Politiker, die sich sehnlichst mehr Geburten wünschen. Die kinderlosen Paare und Singles indes haben entdeckt, dass man am Wochenende mit Hunden im Park ebenso gut die Bekanntschaft Gleichgesinnter schließen kann wie andere mit Kindern auf dem Spielplatz. Und darum gibt es für die, die in ihrer Wohnung keine Hunde halten können, die Hunde zum Stundenpreis in einigen Geschäften ausgeliehen.

Kürzlich sagte mir ein Ökonom einer großen japanischen Investmentbank, er schaue sich unter anderem die Hundeverkäufe als Index dafür an, ob die Ausgabenfreude der japanischen Konsumenten wieder anziehe oder nicht. Wen wundert es da, dass er derzeit zu den Optimisten gehört in der Tokioter Finanzwelt.

Nicole Bastian
Nicole Bastian
Handelsblatt / Ressortleiterin Ausland
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