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Auf den Übergangskandidaten wartet eine Herkulesaufgabe

Wenn Giancarlo Boschetti auf dem Fußballplatz steht - und da ist er jeden Samstag anzutreffen -, dann spielt er auf der Position des Außenverteidigers. Er muss also hinten dichtmachen und gleichzeitig dem Angriff Impulse verleihen.

MAILAND. Exakt diese Aufgaben erwarten den sportlichen 62-Jährigen in seiner neuen Position: Als Chef der Autosparte von Fiat soll er die bestehenden Marktanteile verteidigen und parallel durch neue Modelle Kundenkreise erschließen, die bislang kein Interesse an italienischen Autos zeigen.

Da der größte Industriekonzern des Landes finanziell schwach auf der Brust ist, glauben Kenner der Szene an eine "mission impossible". Doch für leichte Aufgaben war Boschetti, der seit 37 Jahren dem Unternehmen dient, noch nie zu haben.

Er gilt in der elitären Fiat-Welt als eine Art Enfant terrible. Die vornehme Zurückhaltung, die seit jeher die Angestellten der Agnelli-Dynastie kennzeichnet, ist ihm fremd. Oft schon hat er mit seiner offenen und legeren Art die Turiner Konventionen gesprengt. Legendär ist eine Vorstandssitzung, in der Boschetti den obersten Führungskreis angesichts von Massenentlassungen mit brutaler Selbstkritik schockierte: "Wir allein tragen die Schuld, da wir die Märkte falsch eingeschätzt haben. Bezahlen lassen wir aber Kollegen, die dafür überhaupt nichts können." Einem anderen hätten solche Sätze den Kopf kosten können. Doch der Vater einer erwachsenen Tochter darf sich derlei Querdenkerei leisten - denn er hat in seinem langen Berufsleben in Turin immer Erfolg gehabt.

Seit 1990 führt der studierte Betriebswirt Iveco, die Lastwagentochter von Fiat. Davor war er bereits neun Jahre bei dem Nutzfahrzeughersteller als Einkaufsleiter und Finanzchef tätig. In dieser Zeit hat er bewiesen, wie man Fahrzeugen aus Italien Weltgeltung verleiht. Durch eine radikale Restrukturierung, die eine klare Ergebnisverantwortung der einzelnen Sparten zur Folge hatte, trimmte Boschetti das Unternehmen auf Profitabilität. Ihm wird jedoch nachgesagt, nicht nur ein Stratege, sondern auch ein großer Motivator zu sein. Ergebnis: Heute ist Iveco einer der wenigen europäischen Nutzfahrzeughersteller, deren Unabhängigkeit nicht zur Diskussion steht. Im vergangenen Jahr hat Iveco mit einem Gewinn von fast 500 Mill. Euro 57 % zum gesamten Fiat - Konzernüberschuss beigetragen - und das bei einem Umsatzanteil von gerade einmal 5,7 %. Wer so tolle Zahlen liefert, der wird geliebt. Nicht weiter verwunderlich also, dass Boschetti seitens des Fiat-Präsidenten Paolo Fresco und wohl auch des "avvocato" (Agnelli) vor zwei Jahren verboten wurde, wie geplant in Rente zu gehen.

Als Chef von Fiat Auto wartet auf Boschetti eine Herkulesaufgabe. Ähnlich wie bei Iveco soll er auch hier aus einem monolithischen Block ein divisional organisiertes, schlankes Unternehmen formen. Jeder Manager wird künftig klare Verantwortungen haben. Die vollkommen veraltete Struktur des Autobereiches führte immer schon zu massiven Quersubventionierungen unprofitabler Bereiche. Damit soll nun Schluss sein. Angesichts des fortgeschrittenen Alters von Giancarlo Boschetti ist absehbar, dass er nur für eine Übergangslösung bei Fiat steht. Nach der erfolgreichen Reorganisation wird Boschetti wieder öfter auf Rentierjagd nach Norwegen gehen - und ein anderer das Steuer bei Fiat übernehmen. Top-Manager in Wartestellung könnte es genug geben: etwa den ausscheidenden Audi-Chef Franz-Josef Paefgen.

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