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Auf der Suche nach der Revolution

Marko Martin und die letzten Monate der DDR

In Berlin wird gerade ein Stück Mauer rekonstruiert. An der Friedrichstraße direkt neben dem früheren Grenzübergang Checkpoint Charlie. Ein paar Meter Mauer nur, aufgebaut zum Gedenken an den 9. November 1989, als das monströse Bauwerk von Tausenden DDR-Bürgern überrannt wurde.

Marko Martin war an jenem Tag nicht dabei. Der damals 19-jährige Kriegsdienstverweigerer war vielen Schikanen ausgesetzt. Als die Behörden ihn lange genug vorgeladen und verhört hatten, wurde er im Mai 1989 aus der DDR ausgebürgert. Und während seine Landsleute die Freiheit feierten, holte er am ruhigen Bodensee sein Abitur nach. Doch im Sommer 1990 begibt er sich auf die Reise durch sein Heimatland, das nur noch wenige Monate existieren wird.

Fast fünfzehn Jahre lang liegt sein Tagebuchbericht in der Schublade. Erst jetzt geht er damit an die Öffentlichkeit. "Das Schöne an einer Revolution ist, dass hier bestehende Wirklichkeit nicht mehr ernst genommen wird, das hat sie mit Poesie gemeinsam. Habe ich das Recht, darüber zu sprechen? Die verlorenen Tage werden nie wiederkommen", heißt es in dem Buch "Sommer 1990". Der Bericht klingt leise und oft verzweifelt. Der junge Mann, der immer in Opposition zu seinem Land stand und daraus seine Identität gewann, versucht Erklärungen zu finden.

Er besucht Bürgerrechtler, Schriftsteller, ehemalige Häftlinge, spricht mit Soldaten, die schon in der Volksarmee dienten, und er kommt in eine konspirative Gaststätte, die von ehemaligen Stasi-Leuten betrieben wird. Entstanden ist ein authentischer Text, der völlig frei von der heute so allgegenwärtigen Ostalgie ist, die in Romanen, Kinofilmen und im Fernsehen beschworen wird. Das macht seine Spannung aus, auch wenn man beim Lesen immer wieder über den allzu pathetischen Stil des jungen Autors stolpert. Ein Manko, das der heute 34 Jahre alte Martin allerdings im Nachwort nachsichtig mit seiner Jugend und Naivität erklärt.

Marko Martin sieht die DDR mit dem Blick des Zurückgekehrten, der auf Grund seiner Erfahrungen die Ost- und die Westperspektive einnehmen kann. Er erzählt von seinen Landsleuten, die zwischen Zukunftsdiskussionen und Konsumträumen Fuß fassen müssen. Und er berichtet von seiner eigenen Enttäuschung. Denn während seiner sommerlichen Reise findet er die Euphorie, die die Menschen im November 1989 getragen hat, kaum wieder. Immer wieder fragt er sich, warum so wenig von der inneren Befreiung zu spüren ist. Ab und zu reden die Leute von Chancen, die man nutzen könne. Noch scheint der alte Ostkasernenton am Bahnschalter und beim Einkaufen allgegenwärtig zu sein. "Sommer 1990" macht auch deutlich, wie groß das Beharrungsvermögen vieler Menschen war, denn warum sollte das plötzlich abgeschafft werden, "was 40 Jahre gut war". Dazu kam die Angst, vom Westen einfach untergebuttert zu werden. Da muss Martin schon nach Prag fahren, um bei den Tschechen Lebenslust und Freude wiederzufinden.

Bei aller Skepsis, die Marko Martin den eigenen Landsleuten entgegenbringt: Bücher, die in den Mühen des Alltags an den schwierigen Aufbruch erinnern, sind heute notwendiger denn je.

MARKO MARTIN: Sommer 1990. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2004, 205 Seiten, 17,90 Euro.

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