Auf die angeschlagenen staatlichen Finanzinstitute rollen neue Belastungen zu – Finanzminister will frisches Kapital nachschießen
Immobilienkrise droht Chinas Banken zu sprengen

Kaum dass die neue Führung der Kommunistischen Partei ernannt worden ist, rückt Chinas Regierung mit den schlechten Nachrichten heraus: Dem maroden Bankensystem drohen neue Belastungen in Milliardenhöhe. Peking muss erneut in die Staatskasse greifen, um einen Kollaps der tief in den roten Zahlen steckenden staatlichen Großbanken zu vermeiden.

PEKING. Mit einer Kapitalspritze von 33 Mrd. $ hatte die Regierung den vier Staatsbanken 1998 erstmals unter die Arme gegriffen. Zur Finanzierung von vier so genannten Asset Management Gesellschaften (AMC), die die faulen Kredite der Banken aufnehmen und am Markt platzieren sollten, wurden 1999 mit staatlicher Hilfe fast 170 Mrd. $ aus den Büchern der "vier Großen" getilgt. Eine "letzte Unterstützung", hieß es seinerzeit aus dem Pekinger Finanzministerium. Am Wochenende aber musste Finanzminister Xiang Huaicheng eingestehen, dass Peking wohl beträchtliche öffentliche Mittel nachschießen muss, um den angeschlagenen Sektor zu stabilisieren.

Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, BIZ, schätzt den Bestand der faulen Kredite auf 410 Mrd. $; Hongkonger Quellen zufolge betragen sie sogar bis zu 500 Mrd. $. Den AMC ist es bislang nicht gelungen, die faulen Kredite ausreichend am Markt unterzubringen. Die Staatsbanken dürften daher ihren Zeitplan für den Börsengang, der für 2005 geplant war, nicht mehr einhalten können, meint Joan Zheng von JP Morgan Chase. Die Bankenkrise könnte sich zu einem der ernstesten Probleme für die chinesische Wirtschaft entwickeln und das Reformtempo im Land gravierend beeinflussen. "Die Situation ist nicht mehr lange durchzuhalten, wenn die wahren Probleme nicht angepackt werden", warnt Ma Guonan von der BIZ in Hongkong.

Die Probleme verschärfen sich sogar noch: 500 Staatsfirmen in der westlichen Provinz Qinghai haben sich nach einem Bericht der "China Business Post" in die Insolvenz geflüchtet und können ihre Kredite bei den Staatsbanken nicht mehr bedienen. Eine Untersuchungskommission fand heraus, dass bis Ende 2001 von 906 Staatsfirmen, die bankrott angemeldet oder sich in Aktiengesellschaften umgewandelt hatten, 524 auf diese Weise Tilgung und Zinsen bei den Banken im Umgang von 5,16 Mrd. Rmb umgehen wollten. Das sind immerhin 54,5 % aller Bankschulden dieser Unternehmen. Und am gewaltigem Immobilienmarkt, der in vier Jahren aus dem Nichts zu einem der drei wichtigsten Treibriemen der boomenden Konjunktur aufstieg, droht eine noch gefährlichere Krise.

Die Investitionen des Immobiliensektors, den Peking mit dem Verkauf ehemals staatlicher Wohnungen 1998 aus dem Dornröschenschlaf weckte, nahmen von Januar bis September um 30 % zu. Die Preise in Ballungsgebieten wie Peking und Shanghai schossen um bis zu 100 % in die Höhe. Obwohl es seit Monaten deutliche Hinweise für eine Überhitzung gibt, hat offenbar niemand auf die Bremse gedrückt. Denn alle Beteiligten verdienen bestens an dem Goldrausch.

Schanghai hat den Immobiliensektor zu einer Schlüsselindustrie erkoren und nahm über 10 Mrd. $ aus dem Verkauf von Land-Nutzungsrechten ein. Chinas angeschlagene Banken haben darin ein lukratives neues Geschäftsfeld entdeckt. Hypothekenkredite an private Kunden sind seit Ende 1999 bei den führenden chinesischen Banken um 388 % in die Höhe geschossen. In den Augen der Zentralregierung liest der Boomsektor Zehntausende gestrandeter Arbeiter aus maroden Staatsfirmen auf und trägt 30 % zum BIP-Wachstum des Landes bei. Doch jetzt wird es selbst der Regierung mulmig. Ministerpräsident Zhu Rongji warnte, er sehe "Zeichen für ein Überangebot in einigen Städten" und würde lieber nicht 8 % Wachstum in diesem Jahr erreichen, um die Immobilienblase zu entschärfen.

"Schnell steigende Preise und wachsende Leerstandsraten haben die Risiken in dem Sektor erhöht", heißt es im geldpolitischen Bericht der Notenbank für das 3. Quartal. Die Leerstände sind nach offiziellen Zahlen auf über 14 %, in Peking sogar auf 26 % gestiegen, schreibt die lokale "China Business News". "Die Regierungszahlen zeigen, dass es zu viele Investitionen und eine Überhitzung in dem Markt gibt", sagt George Leung Siu-kay, Chefökonom der HSBC für Greater China.

Für die Banken besteht eine signifikante Gefahr, sagen Experten. "Das Engagement der Banken bei den Bauentwicklern ist ein beachtliches Risiko", schrieb im August Morgan Stanley in Hongkong in einer Analyse mit dem Titel "Platzt die Immobilienblase ?"

Chinas Banken sehen die Entwicklung mit Sorge. Sie haben in den letzten Monaten - um Marktanteile zu gewinnen - oft die Vorgabe der Notenbank ignoriert, höchstens 80 % des Immobilienwertes zu beleihen. Doch eine Korrektur der Immobilienpreise um nur 25% , sagt der Volkswirt Yang Jianwen bei der Akademie der Sozialwissenschaften in Schanghai, würde die faulen Kredite der Banken um drei Prozentpunkte erhöhen. Das wäre ein Anstieg der offiziell eingestandenen faulen Kredite um 15 %. Kein Wunder, dass Morgan Stanley eindringlich warnt, "Chinas Banken müssen ihre Kredit-Konditionen so schnell wie möglich verschärfen."

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