Auf die Hausse im ersten Quartal folgte die Korrektur im zweiten Quartal
Welle von Neuemissionen am Neuen Markt

Dank der guten Liquiditätslage werden sich am Neuen Markt auch große Börsengänge wie der der Deutschen Post nicht negativ auf andere Neuemissionen auswirken. Die Aufmerksamkeit der Anleger wird sich weiter auf die Biotechnologie- sowie die Logistikbranche konzentrieren.

FRANKFURT. Auch in diesem Jahr ist in Deutschland der Drang von Unternehmen an die Börse ungebrochen. Zum führenden Segment für Neuemissionen (IPOs) zählte im ersten Halbjahr weiterhin der Neue Markt. Von den insgesamt 91 Unternehmen, die in den ersten sechs Monaten in Deutschland an die Börse gegangen sind, haben sich allein 80 für einen Gang an den Neuen Markt entschieden. Damit lag der Anteil der Neuer-Markt-Emissionen sogar noch über dem des entsprechenden Vorjahreszeitraumes, als von den 84 Unternehmen rund 70% am Neuen Markt gelistet wurden.

Innerhalb Europas entfielen auf den Neuen Markt im ersten Halbjahr 2000 rund zwei Drittel aller an europäischen Wachstumsbörsen durchgeführten IPOs.

Die erste Hälfte des Jahres 2000 verlief am Sekundärmarkt nach ähnlichem Muster wie in den beiden Jahren zuvor: Nach einer Hausse im ersten Quartal, als sowohl der DAX als auch der Neuer-Markt-Index neue Allzeithochs erreichten, begann ab Mitte März und während des zweiten Quartals eine Korrektur. Mit leichter zeitlicher Verzögerung setzte sich diese Entwicklung am Primärmarkt fort: Vom 1. Februar, als die ersten beiden Unternehmen des Jahres gelistet wurden, bis Ende März gingen allein 46 Unternehmen an die Börse, davon 39 an den Neuen Markt. Anlegern schienen in dieser Zeit Zeichnungsgewinne garantiert, die Neuemissionen waren oft um ein Vielfaches überzeichnet. Die Emissionspreise wurden bei 45 der 46 Unternehmen am oberen Ende der Bookbuilding-Spanne festgelegt.

Nachlassende Euphorie

Negativmeldungen vor allem von Internet-Unternehmen Anfang April sowie Kursstürze an den amerikanischen Börsen führten letztendlich dazu, dass im zweiten Quartal die Euphorie bei Neuemissionen nachließ. Der insbesondere bei institutionellen Investoren zu beobachtende Trend zur Abkehr zunächst von Internet-Unternehmen, anschließend allgemein von Unternehmen, die auf absehbare Zeit keine Gewinne in Aussicht stellten, verstärkte sich in den folgenden Monaten und wirkte sich auch auf die Preisfindung der Neuemissionen aus. Bei fünf Neuzugängen wurde der Emissionspreis am unteren Ende der Bookbuilding-Spanne festgelegt, teilweise wurde mangels Nachfrage die Bookbuilding-Spanne sogar nach unten verschoben. Der Anteil aller im ersten Halbjahr am oberen Ende der Bookbuilding-Spanne plazierten Unternehmen war mit rund 80 % jedoch immer noch höher als im Vergleichszeitraum des Vorjahres (70 %).

Die Zeichnungsgewinne lagen im zweiten Quartal deutlich unter denen des ersten Quartals. Konnten sich Anleger im ersten Quartal noch bei 40 % der Neuemissionen am Neuen Markt über einen Zeichnungsgewinn von mehr als 100 % freuen, so war das im zweiten Quartal nur noch bei knapp 7% der Fall. Des weiteren wurde bei nur einem Börsengang des ersten Quartals die Erstnotiz unter dem Emissionskurs festgestellt, gegenüber sieben im zweiten Quartal.

Die selektive Kaufzurückhaltung von Investoren fand ihren Höhepunkt Ende Mai und konzentrierte sich vorwiegend auf Informationstechnologie- und Internet-Werte. Zu dieser Zeit hatte der überwiegend Technologie-Titel enthaltende Neuer-Markt-Index gegenüber seinem Höchststand im März rund 40 % seines Wertes verloren. Ähnlich wie im vergangenen Herbst, als mehr als 20 Unternehmen ihren Börsengang absagten, überforderte das Angebot an Neuemissionen einer Branche die Aufnahmefähigkeit des Marktes. In diesem Jahr verschoben sieben Unternehmen ihren Börsengang, größtenteils Software-Hersteller oder Anbieter von Internet-Zugängen. Neuemissionen aus anderen Bereichen, die in diese Zeit fielen, verzeichneten hingegen zum Teil zweistellige Kursgewinne.

40 Prozent Internet-Aktien

Das branchenspezifische Überangebot wird auch durch die Branchenzugehörigkeit der Neuemissionen deutlich: Rund 40 % der bis Ende Mai am Neuen Markt gelisteten Unternehmen gehören dem Internet- oder Software-Index an. Nach diesem Datum wurden nur noch zwei Unternehmen aus diesen Branchen gelistet. Daneben gehören rund 16 % der IPOs der ersten sechs Monate dem Medien-Index an.

Die größte Neuemission im ersten Halbjahr 2000 war der Mitte März durchgeführte Börsengang von Infineon, bei dem es sich zugleich um die bisher zweitgrößte Emission in Deutschland handelte. Das Emissionsvolumen betrug rund 6 Mrd. Euro, die Notierungsaufnahme erfolgte im Amtlichen Handel. Mit Zeichnungen im Wert von rund 200 Mrd. Euro wurde die bisher größte Nachfrage bei einem Börsengang in Deutschland erzielt. Die Erstnotiz der Infineon-Aktie lag 100% über dem Emissionskurs. Weitere großvolumige Börsengänge in diesem Jahr waren T-Online im April mit einem Emissionsvolumen von rund 2,5 Mrd. Euro und Comdirect Anfang Juni mit einem Volumen von rund 900 Mio. Euro, die beide bei ebenfalls mehrfacher Überzeichnung erfolgreich am Neuen Markt platziert werden konnten.

Das Emissionsvolumen im ersten Halbjahr 2000 übertrifft mit rund 17,9 Milliarden Euro bereits das gesamte IPO-Volumen des Vorjahres (15,6 Milliarden Euro). Das durchschnittliche Emissionsvolumen inklusive der Großemissionen lag bei knapp 200 Millionen Euro. Bei rund 45 Prozent aller Neuemissionen lag das Emissionsvolumen unter 50 Millionen Euro. Das durchschnittliche Emissionsvolumen war mit rund 93 Millionen Euro (ohne T-Online und Comdirect) deutlich höher als im Vorjahr (rund 56 Millionen Euro).

Komplizierte Unternehmens-Story schreckt ab

Auch im zweiten Quartal 2000 war ein anhaltendes Interesse von Privatanlegern an Neuemissionen zu erkennen, was vor dem Hintergrund der seit März negativen Kursentwicklung erstaunlich ist. Ablehnend standen Privatanleger nur Emissionen mit einer schwierig zu vermittelnden "Equity Story" gegenüber, auf die sie, wie auch auf überhöhte Preisvorstellungen, mit Nichtzeichnen reagierten.

Besonders nach den jeweils vielfach überzeichneten Börsengängen des ersten Quartals und der damit verbundenen Enttäuschung von Anlegern, die bei der Zuteilung unberücksichtigt geblieben waren, geriet die Frage nach der angemessenen Zuteilung von Aktien bei Neuemissionen in die öffentliche Diskussion. Vor diesem Hintergrund wurden von der Börsensachverständigenkommission Grundsätze herausgegeben, die zu einer höheren Transparenz in der Zuteilung führen sollen, beispielsweise durch Veröffentlichung des Zuteilungsverfahrens. Wenngleich dieser Vorstoß im Sinne von mehr Transparenz eindeutig zu begrüßen ist, so muss doch klar festgestellt werden: Es gibt kein Recht auf Zuteilung und möglichst schnelle Zeichnungsgewinne.

Als Preisfestsetzungsverfahren dominierte das Bookbuilding-Verfahren, auch wenn in diesem Jahr erstmalig in Deutschland bei einer Neuemission der Preis über ein Auktionsverfahren festgelegt wurde. Dabei wurde ein Mindestpreis genannt, auf dessen Basis interessierte Anleger Gebote abgeben konnten.

Die weitere Entwicklung des Primärmarktes in diesem Jahr dürfte von einer unverändert hohen Liquidität der Anleger, verbunden mit einer selektiven Vorgehensweise, gekennzeichnet sein. Nachdem das zweite Halbjahr 2000 im Juli mit 22 Börsengängen und der Notierungsaufnahme des 300. Unternehmens im Neuen Markt sehr vielversprechend begann, wird nach der Sommerpause, d.h. dem traditionell im Neuemissionsgeschäft schwachen Monat August, mit einer Neuemissionswelle im Herbst gerechnet. Aufgrund der guten Liquiditätslage werden von großvolumigen Emissionen wie beispielsweise dem IPO der Deutschen Post keine allzu großen Auswirkungen auf die übrigen Börsengänge erwartet. Nach wie vor dürften jedoch verlustbringende Unternehmen ohne die Perspektive, in naher Zukunft Gewinne zu erzielen, nicht in der Gunst der Anleger stehen. Davon ausgenommen wird die Biotechnologie-Branche sein, die unverändert einen hohen Aufmerksamkeitsgrad bei Investoren erzielt. Daneben wird mit einem anhaltenden Interesse von Investoren an dem seit kurzem favorisierten Logistik-Sektor gerechnet, was wiederum dem Börsengang der Deutschen Post zugute kommt.

Klaus Patig, Mitglied des Vorstands der Commerzbank, Frankfurt/M.

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