Auf Innovationen wartete man auf dem Medienforum in Köln vergeblich
Analyse: Die TV-Landschaft bleibt aufregend wie warmer Käse

Ohne einen Coup, ein Signal oder den großen Trend geht das Medienforum NRW dieses Jahr zu Ende. Natürlich war auch wieder von der Verbindung von TV und Internet durch die Breitbandkabel die Rede, und inzwischen hat zumindest beim Kabel das Geschäft mit den Investoren Callahan und Liberty an Dynamik gewonnen. Seit Jahren wird die Vison vom interaktiven Fernsehen beschworen, und bei der Vision dürfte es auf absehbare Zeit auch bleiben. Denn noch ist nicht ersichtlich, woher das Geld zum Ausbau der Infrastruktur kommen soll.

DÜSSELDORF. "In der Boomzeit akquiriert, in der Flaute finanziert, die Herren sind nur zu bedauern", sagt einer der prominentesten TV-Manager des Landes. Vertraulich, versteht sich. In aller Öffentlichkeit machen sich die beiden Senderfamlien um RTL und Kirch-Gruppe dagegen sogar Sorgen über die neuen Herren über Netze, die doch sowieso meist nicht bis zum Kunden reichen. "Die neuen Kabelbetreiber sollten auch die kleineren Sender fair behandeln", fordert RTL-Chef Gerhard Zeiler artig, und der Sat1-Geschäftsführer Martin Hoffmann pflichtet bei.

Die Kleinen müssen sehen, wie sie bestehen können, aber wer ist heute im deutschen TV-Markt noch klein? TM3-Geschäftsführerin Christiane zu Salm klopft dem RTL-Boss vor der Elefantenrunde zum Fernsehmarkt recht freundlich auf die Schulter und lobt Sat1-Chef Hoffmann ob seiner Redekunst. Bei MTV hat sie gelernt, billiges Programm teuer zu verkaufen. Nun muss sie zur Höchstform auflaufen. Geld fürs Programm ist bei TM3 nicht mehr vorhanden. Deshalb sollen die Zuschauer für die Kosten aufkommen, sich an Gewinnspielen und Abstimmungen per Telefon beteiligen. Jeder Anruf zählt. Selbst über Politik wird kostenpflichtig abgestimmt. "BSE, Herr Fischer, Themen gibt es ja genug", meint zu Salm. Irgend etwas gibt es zu gewinnen, auch jetzt schon, denn der Sender sucht noch einen Namen. Die "9" soll drin vorkommen, kein schlechter Platz auf der Fernbedienung für das, was ein frecher Moderator als zweiten Versuch für das Bildtelefon umschreibt. Da stockt selbst zu Salm für einen Augenblick der Atem.

Vom Medienmanager zum Kaufhausleiter

Dabei liegt der von der Branche zum Transaktionsfernsehen hoch stilisierte Animierkanal tatsächlich im Trend, was wiederum eine ganze Menge aussagt über das diesjährige Medienforum. Die Werbeflaute hat auch andere Sender so übel erwischt, dass selbst Shopping-TV plötzlich nicht mehr als ganz so peinlich gilt. HOT-Hauptgesellschafter Georg Kofler gehörte in diesem Jahr wieder zu den Stars. Sein Kaufsender, der in mehreren Ländern Europas in diesem Jahr rund 800 Millionen DM umsetzen will, und die Konkurrenz um QVC aus den USA geben die Richtung vor. Der ehemalige Prosieben-Geschäftsführer hat natürlich auch bei TM3 seine Finger im Spiel. Am TM3-Eigner Euvia widerum ist die Prosiebensat1 Media AG beteiligt. Früher hat der begnadete Redner Kofler mit Prosieben mal einen richtigen Fernsehsender aufgebaut. Und die Idee mit der "7", die jetzt als "9", aber doch nur zwei Nummern kleiner neu aufgelegt wird, die war auch von ihm.

Alte Kleider auftragen macht Wenigen Spaß. Anke Schäferkordt gehört zu dieser Minderheit. Die Vox-Geschäftsführerin steht einem Sender vor, den die Großen meinen, wenn sie Fairness im Kabel fordern. Dabei tröstet sich die TV-Managerin noch mit dem frühen Entwicklungsstadium der Netzbetreiber. "Es liegen noch keine Geschäftsmodelle vor, bei denen man sehen kann, wohin die Reise geht." Für Vox trifft das nicht zu: Viele Sendungen liefen schon woanders, und daran dürfte sich wenig ändern.

Noch acht Jahre Millionärsraten

Überhaupt ist das Medienforum offensichtlich nicht der Ort, um Programminnovationen zu verkünden. RTL-Chef Zeiler will sein Publikum noch "sehr, sehr lange" mit der Rateshow "Wer wird Millionär" traktieren. Fünf bis acht Jahre werde sich das Format noch im Fernsehen halten, schätzt er. Etwas mutig sein will RTL aber auch. Die alte Sendung "Im Kreuzverhör" soll im Wahljahr wieder zum Leben erweckt werden, und außerdem wird sich eine Dokumentation in vier Teilen mit dem Leben in Deutschland nach dem Krieg beschäftigen. Die ARD geht für ein neues Format sogar noch weiter zurück. In einer Hütte im Schwarzwald sollen Bewohner sich ohne Hilfe und ohne Elektriziätt und Strom wie vor mehr als einem Jahrhundert behaupten. Nur die Kameras, die das Spektakel aufzeichnen, sind ganz aus dem Hier und Jetzt. Verdichtet werden soll das Geschehen, damit auch die öffentlich-rechtliche Anstalt auf Großer Bruder machen kann, der bei der Konkurrenz gerade im Archiv verschwindet. "Fiktionale Produkte sind gefragt, Reality-Formate kommen nicht mehr an", konstatierte Zeiler. Und auch Sat1-Chef Hoffmann pflichtete bei: "Wir beobachten zwei Dinge genau: Comedy und neue fiktionale Formate."

Konzentration ist für RTLVoxRTL2SuperRTL und ProsiebenSat1Kabel1N24DSF kein Thema

Auffällig einig sind sich die Schwergewichte im TV-Markt indes auch, wenn es darum geht, Kritik an der Konzentration und Forderungen nach mehr Aufträgen für unabhängige Produzenten zurückzuweisen. Beide Phänomene hatte ausgerechnet Ministerpräsident Wolfgang Clement miteinander in Verbindung gebracht. Der ausgewiesene Standortpolitiker beklagte auf dem Medienforum überaus beredt die zunehmende Konzentration im Geschäft. Die Einspeisung von Sendern in die Kabelnetze könne von einer angemessenen Auftragsvergabe an Film- und Fernsehproduzenten abhängig gemacht werden, stellte der Politiker in Aussicht. Was nicht viel mehr ist, als eine Ausdehnung der bisherigen Standortpolitik auf verwandte Branchen, missfällt indes den TV-Managern in Köln, München und Berlin gehörig.

"Der Vorschlag wird sicherlich nicht RTL oder Sat1 schaden, aber zahlreiche kleine Sender das Leben kosten", meint Zeiler. Die Konzentration sei zudem eine "natürliche Entwicklung", die sich auch in den übrigen wichtigen TV-Märkten in Europa zeige. Die Bereitschaft, den Produzenten mehr Gewicht einzuräumen, gar eine Beteiligung an Ausstrahlungserlösen, ist also gering, und die Aussicht der sehr hetorogen aufgestellten Programmzulieferer, sich einvernehmlich auf Forderungen zu verständigen, ist ebenfalls alles andere als groß. Die Quittung für die Behäbigkeit der alten Bürokraten rund um ARD und ZDF und die neuen Dinos der Sendefamilien sei, dass die wirklich kreativen Formate aus dem Ausland kommen, meinen die Produzenten. Mit dem Projekt 20 hat sich nun eine Anzahl eine Interessenvertretung gegründet, die ihnen helfen soll, mächtig Druck zu machen.

Einen anderen Weg hat die Producer's AG eingeschlagen, bei der die Partner unter dem Dach einer Holding noch enger zusammenrücken. "Heute haben selbst eingeführte Produzenten nur die Perspektive, sich einem der vorhandenen Blöcke anzuschließen, mittelfristig aus dem Markt gedrängt zu werden oder ertragreiche Formen der Zusammenarbeit zu suchen", resümiert Holding-Vorstand Friedrich-Carl Wachs. Möglicherweise bestimmt das Schlagwort von der neuen Macht der Produzenten ja das nächste Medienforum. Langweiliger als Transaktionsfernsehen wäre das gewiss nicht.

Schreiben Sie dem Autor: j.ohlendorf@vhb.de

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