Auf Kooperationen setzen
Bertelsmann-Chef schließt Verkauf von Musiksparte aus

Im vergangenen Sommer hatte der Konzern einmal erwogen, sich unter Umständen von BMG zu trennen. Nach dem Scheitern der Fusion mit EMI soll das Musikgeschäft jetzt sogar gestärkt werden.

Reuters MÜNCHEN. Der Vorstandschef des Medienkonzerns Bertelsmann AG, Thomas Middelhoff, schließt nach der gescheiterten Musik-Fusion mit der britischen EMI Group einen Verkauf der Musiksparte BMG aus. "Einen Verkauf von BMG wird es nicht geben", sagte Middelhoff in einem Interview der "Süddeutschen Zeitung". Am Dienstag hatten der Medienkonzern und die britische EMI die Gespräche über eine Fusion ihrer Musikgeschäfte auf Grund erwarteter hoher Auflagen der Kartellbehörden für gescheitert erklärt. BMG erwäge nun den Kauf einiger Plattenlabel, sagte Middelhoff dem Blatt. Unterdessen hieß es in einem Magazinbericht vom Wochenende, die BMG könnte das am 30 Juni endende Geschäftsjahr mit Verlusten abschließen. Ein Bertelsmann-Sprecher lehnte einen direkten Kommentar zu dem Bericht ab.

Im vergangenen Sommer hatte der Konzern einmal erwogen, sich unter Umständen von seinem Musikgeschäft zu trennen. Dazu sagte Middelhoff dem Blatt: "Damals war ich in Sorge, dass wir in ein Sandwich kommen zwischen schrankenlosem Online-Vertrieb und Stagnation im CD-Geschäft." Dies sei heute jedoch durch das Bündnis mit der Online-Musiktauschbörse Napster anders. Bertelsmann scherte im vergangenen Herbst aus der Reihe der weltgrößten Musikkonzerne aus, die Napster wegen Urheberrechtsverletzung verklagt hatten und schloss eine Allianz mit der Tauschbörse. Dazu komme die Internet-Plattform MusicNet, die zunächst mit AOL Time Warner, EMI und Realnetworks gestartet werde, sagte Middelhoff weiter. "Im digitalen Musikvertrieb sind wir bereits Marktführer."

BMG will auf Kooperationen setzen

BMG-Chef Rolf Schmidt-Holtz hatte vor einigen Tagen erklärt, nach dem Scheitern der Fusion mit EMI nun verstärkt auf Kooperationen setzen zu wollen. Die BMG ist die Nummer Fünf an der Spitze der Musikindustrie, die von der Vivendi-Tochter Universal Music angeführt wird. Dazwischen liegen Sony, EMI und Time Warner. BMG hat Sänger wie Eros Ramazotti, Whitney Houston oder Peter Maffay unter Vertrag. Laut Middelhoff erwägt die BMG aber auch mögliche Zukäufe bei Plattenfirmen. "Wir überlegen, das eine oder das andere unabhängige Plattenlabel zu kaufen," sagte der Bertelsmann-Chef dem Blatt. Namen nannte er nicht. Ob BMG eine Beteiligung bei der am Neuen Markt notierten Edel Music anstrebe, ließ Middelhoff unkommentiert.

"Wir wollen BMG von sämtlichen Altlasten befreien", sagte Middelhoff weiter. Dies geschehe auch mit Blick auf den absehbaren Börsengang der Bertelsmann AG. Unterdessen berichtete das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" am Wochenende aus seiner neusten Ausgabe, BMG könnte im laufenden Geschäftsjahr 2000/2001 Verluste schreiben. Allein im ersten Halbjahr bis Ende Dezember 2000 habe die Musiktochter beim Gewinn vor Zinsen und Steuern internen Planziele um rund 180 Mill. DM verfehlt. Dazu sagte ein Bertelsmannsprecher lediglich. "Wir geben unterjährig keine Ergebnisse von Bereichen bekannt, aber wir erwarten, dass das Ergebnis auf dem Niveau der Vorjahre liegen wird."

Das Geschäftsjahr 2000/2001 von Bertelsmann endet am 30 Juni. 1999/2000 hatte die BMG-Tochter ihr operatives Ergebnis um 27 % auf 223 Mill. Euro gesteigert bei einem Umsatz von 4,8 Mrd. Euro. Das laufende Geschäftsjahr sei wegen Strukturveränderungen und einem Managementwechsel aber von einmaligen Sonderbelastungen betroffen, räumte der Sprecher ein. Dem Nachrichtenmagazin zufolge sorgten allein die Abfindungen für ausgewechselte Vorstände für Belastungen von schätzungsweise 15 Mill. DM. Dazu kämen Abschreibungen auf Musiklabels und Beteiligungen. BMG habe "schwache Marktpositionen in Schlüsselmärkten", zitiert das Nachrichtenmagazin ein internes Papier.

Häufiger Personalwechsel in Führungsebene

In der Führungsebene von BMG hatte es im vergangenen Jahr wiederholt Personalwechsel gegeben. Im Januar war der ehemalige "Stern"-Chefredakteur Rolf Schmidt-Holtz zum neuen President und CEO der BMG ernannt worden, nachdem der bis dahin für den Posten vorgesehene Rudi Gassner kurz vor Weihnachten überraschend gestorben war. Seine direkten Vorgänger bei BMG, Michael Dornemann und Strauss Zelnick hatten im Herbst das Unternehmen verlassen.

Für das Geschäftsjahr 2000/2001 rechnet Bertelsmann laut Middelhoff im Gesamtkonzern mit einem Überschuss über dem Vorjahreswert von 1,3 Mrd. DM. Beim Umsatz peilt der Bertelsmann-Chef einen Zuwachs von etwa 8 Mrd. DM auf etwas über 40 Mrd. DM an.

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