Auf neuen digitalen Vertriebswegen will die Musikbranche wieder in die Gewinnzone steuern
Sony Music vertraut Michael Jackson

Nach einem schwierigen Jahr soll es bei Sony Music Deutschland wieder aufwärts gehen. Zahlreiche Neuerscheinungen sollen für einen höheren Umsatz, eine effektivere Kostenstruktur soll für einen besseren Ertrag sorgen. Mit Sorge betrachtet man weiterhin den ungebremsten Anstieg illegaler CD-Kopien.

HB BERLIN. Die Kopierwut der deutschen Fans macht der Musikindustrie arg zu schaffen. Jochen Leuschner, Geschäftsführer bei Sony Music Deutschland, weist darauf hin, dass selbst Erfolg versprechende Talente durchfallen, wenn ihre Zielgruppe besonders kopierfreudig ist. Deutschland befinde sich hier an der "innovativen Weltspitze", beklagt Leuschner im Gespräch mit dem Handelsblatt. Während laut Branchenverband IFPI (International Federation of the Phonographic Industry) der weltweite Musikmarkt im ersten Halbjahr um 4,6 % gesunken ist, betrug das Minus in Deutschland 11,3 %. Ende des Jahres, fürchtet der deutsche Branchenverband, werde es mehr unerlaubte CD-Kopien als verkaufte Reproduktionen geben.

Probleme kommen auch von der Kostenseite. Im Schnitt gibt Sony 250 000 bis 360 000 € für einen neuen Künstler und sein Debütalbum aus. Nur ein Viertel bis ein Drittel der pro Jahr rund 20 Neulinge spielt mindestens die Investitionen wieder ein. Könnten theoretisch 50 000 Stück eines Albums verkauft werden, bleibt der Absatz bei den jungen Zielgruppen oft schon bei 25 000 stecken. Da wird ein zweites Album zum Risiko, obwohl eigentlich genug Potenzial vorhanden wäre.

Die Folgen sind fatal: Dem Musiker fehlt die Zeit für seine künstlerische Entwicklung, das Unternehmen kann sich kaum einen Katalog von Musikrechten aufbauen. So steuern die etablierten Stars - bei Sony etwa Bob Dylan oder Michael Jackson - einen Großteil zum Gewinn bei.

Generelle Marktschwäche

Wie unstet das Geschäft ist, zeigte das abgelaufene Geschäftsjahr 2000/01: Der Umsatz von Sony Music Deutschland fiel nach drei Rekordjahren auf rund 240 Mill. € (469 Mill. DM). Neben der generellen Marktschwäche verspäteten sich auch noch wichtige Neuerscheinungen - Sonys Marktanteil sank auf 13,4 %. Jetzt sollen Umsatz und Ertrag wieder kräftig steigen - nicht zuletzt dank Altstar Michael Jackson und seinem neuen Album.

Um die Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern, will Sony Music bei der Produktion, dem Vertrieb und dem Marketing die internationale Zusammenarbeit ausbauen. In den siebziger Jahren war Sony Music in Deutschland (damals noch CBS Schallplatten GmbH) "eine Insel", erinnert sich Leuschner. Die Chefs der Ländergesellschaften trafen sich vielleicht einmal im Jahr, um meist nur Höflichkeiten auszutauschen. Seit zehn Jahren habe Sony Music nun eine intensive internationale Kooperation und ein ausgeklügeltes Messsystem, um die Effektivität der Ländergesellschaften direkt miteinander zu vergleichen. Und die Top-Manager treffen sich nun alle vier bis sechs Wochen.

Nun müssen noch die neuen digitalen Märkte anziehen, um die Verluste, die auf den alten Vertriebswegen erwirtschaftet werden, wett zu machen, hofft Leuschner. Die Chancen stehen nicht schlecht. Der britische Musikkonzern EMI gab am Dienstag bekannt, dass er sein digitalisiertes Musikrepertoire neben MusicNet auch über die konkurrierende Online-Plattform Pressplay, die von Universal und Sony betrieben wird, anbieten will. Damit ist EMI die erste Musikfirma, die mit beiden von den großen Konzernen geplanten Musikangeboten im Internet kooperieren will. Mit MusicNet und Pressplay versuchen die großen Musikunternehmen, das Kundenpotenzial von Internet-Nutzern zu erschließen, die sich komprimierte Musikdateien aus dem Web herunterladen.

Handelsblatt-Korrespondent Axel Postinett
Axel Postinett
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