Auf Nummer Sicher
Mit Akt(i)en-Schreddern Geld verdienen

Gesellschaften, die sich auf den Umgang mit sensiblen Unternehmensdaten konzentrieren, verspüren nicht erst seit dem Enron-Skandal steigende Nachfrage.

Keine Frage: Der Bilanzskandal um den US-Energieriesen Enron und den Wirtschaftsprüfer Arthur Anderson hat den Finanzmärkten schweren Schaden zugefügt. Das Vertrauen der Investoren ist erschüttert. Doch wie bei vielen Krisen gibt es auch in diesem Fall Profiteure der Misere.

Die Hersteller von Aktenvernichtern berichten zum Beispiel über das gestiegene Interesse an ihren Produkten. Auch Unternehmen, die das Zerstören von Dokumenten im Auftrag übernehmen, freuen sich über größere Nachfrage. Hintergrund: Im Enron-Fall wurde bekannt, dass viele belastende Unterlagen vom Management fachgerecht zerstückelt wurden, um sie aus der Welt zu schaffen. Unabhängig von der rechtlichen und moralischen Bewertung dieses Vorgangs sind offenbar viele Unternehmen zu der Erkenntnis gelangt, dass sensible, aber nicht mehr benötigte Unterlagen möglichst klein geschreddert dem Müll übergeben werden sollten, um wichtige Informationen nicht preiszugeben.

High-End-Zerstückler und Enron-Aktien

Auch der Privatmarkt wächst. Wurden nach Angaben des Schredder-Herstellers Fellowes 1990 in den USA noch 100 000 Heim-Geräte verkauft, waren es im vergangenen Jahr rund acht Millionen. "Der Trend geht sogar zum Zweitschredder", sagt Unternehmenssprecher Jamie Martin. "Die Leute kaufen sich immer leistungsfähigere Geräte." Hochleistungs-Reißwölfe zerstückeln ganze Telefonbücher, ohne dass der Motor leidet. So mancher Enron-Anleger kann wohl auch seine Aktien einem solchen High-End-Zerstückler überantworten.

Wer allerdings als Investor in die Schredder-Branche investieren will, hat es nicht leicht, da es kaum börsennotierte Hersteller gibt. Eine Ausnahme ist die am Frankfurter Geregelten Markt notierte Gesellschaft Schleicher, deren Aktie allerdings nur sehr geringe Umsätze aufweist. Der Free Float beträgt gerade einmal rund 20 Prozent. Bislang beachtet kein Analyst den Wert. Unternehmenschef Leopold Dieck räumt ein, dass die Investor-Relations-Arbeit verbesserungswürdig ist und plant, die Geschäftstätigkeit weiter auszubauen. "Neben den Aktenvernichtern bieten wir auch Anlagen an, um den Abfall direkt zu entsorgen", erklärt er. Dies werde die Gewinnmarge erhöhen. Trotzdem rechnet Dieck für das laufende Geschäftsjahr mit einem Umsatz unter Vorjahresniveau. (48,7 Millionen Euro). Das Ebit werde auch zurückgehen (Vorjahr 1,7 Millionen Euro), aber positiv sein.

Größere Kaliber

Von größerem Kaliber ist das US-Unternehmen Iron Mountain. Die international tätige Gesellschaft stellt jedoch keine Maschinen her, sondern übernimmt für Unternehmen die Verwaltung und Lagerung von elektronischen und konventionellen Datenträgern. Hier betrachtet sich das Unternehmen als weltweit führend. Zum Service gehört auch die regelmäßige Entsorgung von Datenmaterial, das nicht mehr benötigt wird. Im vergangenen Jahr schredderte Iron Mountain 260 000 Tonnen-Papier zu Konfetti.

"Die Ironie des eigentlich papierlosen Büros ist, dass immer mehr Papier anfällt, weil die Leute sich zum Beispiel ihre E-Mails ausdrucken", sagt Analyst Andrew Steinerman von Bear Stearns. "Die Arbeit wird dem Unternehmen nicht so schnell ausgehen." Zwei neue US-Gesetze unterstreichen die steigenden Anforderungen: Sie schreiben genau vor, wann persönliche Daten von Bankkunden und Krankenversicherten gelöscht werden müssen.

Geht es bei Iron Mountain um die Lagerung und Vernichtung von Daten, so ist die Spezialität des US-Unternehmens Kroll, verloren gegangene Daten wiederzubeschaffen. Dies kann etwa notwendig werden, wenn ein Mitarbeiter aus Versehen oder mit Absicht wichtige Computerdaten gelöscht hat. Das Geschäftsfeld von Kroll ist jedoch weitaus breiter: Kroll betrachtet sich als Sicherheitsdienstleister, der Gesellschaften in allen Bereichen berät, die Risiken für das Unternehmen darstellen können. So untersucht Kroll zum Beispiel für Auftraggeber die Bonität und die Herkunft ihrer Kunden.

Analysten sehen Potential

"Besonders nach dem 11. September ist es für Unternehmen wichtig geworden herauszufinden, ob man etwa Geschäfte mit Terroristen macht", sagt Louis Wonderly, Deutschland-Geschäftsführer der Gesellschaft. Großer Nachfrage erfreuen sich auch die Ermittlungsdienste in Sachen "forensischer Buchhaltung". "Wenn etwa ein Ex-Vorstand die Bilanzen eines Unternehmens nach allen Regeln der Kunst frisiert hat, braucht so mancher Insolvenzverwalter unsere Hilfe, um sich einen Überblick zu verschaffen." Die Aktie von Kroll konnte allerdings seit September 2001 einen starken Anstieg verzeichnen. Investoren sollten also mit einer gewissen Vorsicht an das Papier herangehen, auch wenn die überwiegende Mehrheit der Analysten nach wie vor zum "Kauf" rät.

Stark heruntergekommen sind dagegen die Kurse der klassischen IT-Sicherheitsunternehmen, obwohl gerade sie nach Einschätzung von Experten von steigenden Sicherheits-Ausgaben der Unternehmen profitieren werden. Schließlich sind Angriffe auf die EDV-Einrichtungen für jedes Unternehmen mittlerweile besonders schmerzlich. Wer in diesen Bereich investieren will, sollte nach Analystenmeinung allerdings in erster Linie auf die großen der Branche setzen. "Bei Symantec, Checkpoint und Co. ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sie die allgemeine Krise im IT-Bereich überstehen werden", sagt Thomas Becker, IT-Analyst bei der Investmentbank HSBC Trinkaus & Burkhardt.

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