„Auf See kocht es sich schlechter“
Sterne an Bord

Noble Suiten allein machen nicht glücklich. Die Reedereien haben die Gourmets unter ihren Kunden entdeckt:Sie buchen Spitzenköche für Kreuzfahrtschiffe - und widerlegen so, dass es in der Kombüse nur Gepökeltes gibt.

Das Urteil der Feinschmecker-Bibel ist gewohnt gnadenlos. "Auf See kocht es sich schlechter", konstatiert der Gault Millau. Die Top-Leistungen der feinen Küche seien "nun mal an das Land gebunden". Nur dort finde man "die Märkte mit reifen Früchten und duftendem Gemüse, nur dort liefern Gärten frische Kräuter" - und nur dort gebe es frische Butter und das beste Fleisch. Fazit: "Lorbeeren kann man sich auf See kaum erkochen."

Das sieht auch Deutschlands bester Koch so: "Eine Landküche können die Kollegen an Bord nicht toppen", sagt der für seinen Perfektionismus berüchtigte Harald Wohlfahrt. Dennoch sticht er, wie viele seiner Kollegen, gerne mal in See.

Kreuzfahrtschiffe setzen auf die kulinarische Karte. Sie ködern ihre Klientel mit Gourmetreisen, bei denen Sterneköche wie Kolja Kleeberg ("VAU"), Jean-Claude Bourgueil ("Im Schiffchen"), Josef Viehhauser ("Le Canard"), Karlheinz Hauser ("Süllberg") und Johannes King ("Söl?ring Hof") den Kochlöffel in der Kombüse schwingen. Sie schließen Beraterverträge mit Küchenpromis wie etwa Hollywoods Lieblingskoch Wolfgang Puck.

Zu Pfingsten geht Thomas Bühner an Bord. Der Chef des Dortmunder "La Table" wird ein Gastspiel auf der "MS Europa" geben. Bühner findet das vor allen Dingen "spannend". "Im ,La Table? koche ich für 30 bis 40 Gäste, auf der Europa für 300", rechnet er. "Und wenn du was nicht dahast, kommt nicht mal eben der Gemüsehändler."

Umso akribischer sind die Vorbereitungen: "Ich will mich nicht so verbiegen, dass es nicht mehr ,La Table? ist." Dafür reist der als 3-Sterne-Aspirant gehandelte Küchenchef nicht nur mit drei Mann aus seinem Team, seinem eigenen Jus und eigenen Fonds an. Mit an Bord geht auch ein Container mit Zutaten: mild geräuchertem europäischem Hummer ebenso wie Pauilliac Lammrücken, Jakobsmuscheln und Filet vom kanadischen Bison.

Der Gault Millau erklärt, warum die Kreuzschifffahrt trotz Aufwand und Geschmacksrisiko einen offensichtlich unwiderstehlichen Reiz auf prominente Köche ausübt: "die Schwierigkeit der Aufgabe". Harald Wohlfahrt sagt es in einem Wort: "Egobefriedigung".

In Zeiten von BSE und Hühnergrippe erweist sich der ansonsten größte Makel der Kreuzfahrerei - das Fehlen frischer Lebensmittel -, als deren größte Stärke. Mit mehr als 20 000 Artikeln an Bord ist die "Europa" autark gegenüber jedweder äußeren Bedrohung. Frisch eingekauft werden lediglich Obst, Gemüse und Fisch. Die Hapag-Lloyd - "Sea Chefs" kalkulieren für eine Reise von zehn Tagen mit rund 1 200 Austern, 24 Kilo Kaviar, 380 Kilo Hummer, 720 Flaschen Champagner und 7 550 Eiern.

"Die Standardausrüstung reicht für gute zehn Wochen", erläutert Qualitätsmanager Axel Gohlke. Gedacht wird an alles, vom Schwertfisch bis zum "Kracher Grand Cru", einer neuen Schimmelkäsekreation, die ihre Reife in mit Eiswein getränkten Tüchern erreicht hat. Sollte doch mal etwas fehlen, "wird es zur Not eingeflogen". Sterneköche werden schon mal erfinderisch: "Ich habe zweieinhalb Kilo Trüffel eingeschmuggelt", gesteht Wohlfahrt nach seinem Trip in die Südsee, wo "streng, streng kontrolliert" wird.

Die Ausflüge der Küchenmeister auf erlesene Kreuzfahrt-Planken haben Tradition. In den 90er-Jahren versuchte sich Kochgott Paul Bocuse in Sachen Cruise- Cuisine. Es begann mit einer Unterschrift unter einen Beratervertrag bei der für ihren Luxus berühmten Royal Viking Line. Alsbald plante der umtriebige Franzose ein separates, von ihm geführtes Feinschmecker-Restaurant an Bord der "Royal Viking Sun". Doch die Zusammenarbeit mit Big Bocuse endete jäh, weil seine gesalzenen Preise der inzwischen abgesoffenen Reederei schlichtweg nicht schmeckten.

Und so versuchen die Reedereien auch bei Reisen ohne Prominenz in der Küche, ihrer Kundschaft Auswege aus dem Menü-Allerlei anzubieten. Getreu der Devise, dass ja auch an Land nicht jeden Tag ein Nobelrestaurant besucht wird, wächst lukullische Vielfalt an Bord: mit Bistros, Sushi- Bars, Seafood- oder Steak-Restaurants, chinesischen Wok-Imbissen und American Delis. Auf einigen Schiffen der Norwegian Cruise Line (NCL) haben Reisende gar bis zu zwölf verschiedene Wahlmöglichkeiten. Mehr als jede Kleinstadt.

Zuweilen wird auch mit dem guten Namen vom Land gelockt: Auf der "A?Rosa blu" verleitet das "Café Leysieffer" zu süßen Schlemmereien, die der Kreuzfahrt-Figur abträglich sind, an Bord der Carnival-Cruiser werden "Joe?s Stone Crabs of South Miami Beach" serviert, und auf der "Costa Mediterranea" und der "Costa Victoria" prangt das Label des bekannten genuesischen Restaurants "Magnifico by Zefferino".

Üblich auf den Schiffen sind Feinschmecker-Restaurants geworden, in denen der Gast gegen Aufzahlung sternewürdige Küche serviert bekommt. Das gilt nicht nur für den kleinen Kreis der etwa 20 großen Luxusliner. In die Richtung schwimmt auch und gerade die gehobene Schiffsmittelklasse.

Und das sehr zur Zufriedenheit der bislang kreuzfahrtabstinenten Gourmet-Führer: In einer eigens eingeführten Kategorie für Kreuzfahrtschiffe hat der Aral Schlemmeratlas das "Rossini" an Bord der "A?Rosa blu" zum Schiffsrestaurant des Jahres 2004" gewählt. Seitdem prangen an Günther Kroacks schwimmender Schlemmerstube vier Hauben. Und auch der Gault Millau hat den Aufsteiger mit einer Haube und 14 von 20 möglichen Punkten bedacht.

Gerade erst zeichnete der Berlitz Ocean & Cruising & Cruise Ships 2004 die Europa im Bereich Cuisine/Dining mit sensationellen 370 von 400 Punkten aus. Für Thomas Bühner keine sonderliche Überraschung: "Ich würde ja nicht auf jedem Kutter mitfahren."

Das dachten sich wohl auch Bühners Kollegen. Nobuyuki Matsuhisa zum Beispiel. Während der berühmteste japanische Koch die New Yorker in Robert de Niros Szenerestaurant "Nobu?s" beglückt, zeichnet ein Mitarbeiter des Kult- Chefs verantwortlich für Nobu?s kulinarische Offenbarungen in der Sushi-Bar der "Crystal Serenity". Auf der "Crystal Symphony" gibt Promi-Koch Wolfgang Puck die Gerichte vor, und der italienische 3-Sterne-Zauberer Gualtiero Marchesi hat den "Club Atlantica" auf der "Costa Atlantica" unter seine Fittiche genommen.

Die Flotte der Celebrity Cruises kocht nach den Empfehlungen von Sternekoch Michel Roux. Und Starkoch Daniel Boulud schließlich, Chef des "Daniel" in Manhattan, fungiert als kulinarischer Berater der Cunard-Flotte. Dazu gehören nicht nur die legendäre "QE 2". Der 4-Sterne-Koch kreiert seine exklusiven Menüs auch für die soeben gestartete "Queen Mary 2".

Dort ebenfalls an Bord: ein Restaurant des amerikanischen Fernsehkochs Todd English, der mit dem "Llives" eines der besten Restaurants in Boston führt.

Harald Wohlfahrt wird der Europa treu bleiben. Allerdings nur, wenn auch die Route stimmt. Nach zwei Ausflügen in die Südsee könnte sich der "Schwarzwaldstuben"-Koch nun einen Trip nach Hawaii vorstellen. Oder Australien. Die Südsee war "ein großer Anreiz", sagt er. Aber die kennt er ja nun.

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