Auf unbekanntem Terrain
Gysi geht für Frauen ins Bordell

Für Frauen macht Gregor Gysi einiges: Zum Beispiel an einen langen Arbeitstag eine Nachtschicht dranhängen und ins Bordell gehen - von Amts wegen.

dpa BERLIN. Berlins erster Frauensenator knüpft an eine alte DDR-Tradition an und gratuliert arbeitenden Frauen zum Internationalen Frauentag an diesem Freitag. Und weil der quirlige PDS-Politiker gern der Erste ist, macht er die Nacht davor zum Feiertag. Kreuz und quer "düst" Gysi durch die Hauptstadt und überreicht Nachtarbeiterinnen der verschiedensten Professionen rote Rosen. Die meisten Auserwählten - ob bei der Post, der Polizei oder im Krankenhaus - sind angenehm überrascht. Das haben sie zumindest im Westteil der Stadt noch nie erlebt.

"Frauen zum Frauentag zu gratulieren ist selbstverständlich. Dann habe ich mir überlegt, wen man besonders würdigen sollte, und das sind Nachtarbeiterinnen", sagt Gysi auf die Frage nach seiner Motivation. Da scheut der 54-Jährige trotz der zu erwartenden Schlagzeilen auch das Bordell nicht - nach einer Stippvisite im Wahlkampf der zweite Besuch seines Lebens: "Ich muss da meine Hemmungen überwinden."

"Unerträgliche Doppelmoral"

Doch er will den Männern "ihre unerträgliche Doppelmoral" nicht länger durchgehen lassen: "Laut Statistiken nimmt jeder zweite Mann die Dienste einer Prostituierten in Anspruch und setzt sie zugleich der moralischen Verachtung und niedriger rechtlicher Absicherung aus", kritisiert Gysi. Das mit der geringen gesellschaftlichen Akzeptanz muss sich ändern, und da will er mithelfen als Frauensenator.

Der sonst so selbstbewusste PDS-Star ist noch unsicher in dieser ungewohnten Rolle. Fast scheu nähert er sich den Frauen und wartet erstmal deren Reaktion ab. Da das Echo überwiegend freundlich, aufgeschlossen und dankbar ist, taut Gysi von Station zu Station mehr auf. Die Fragen nach den Arbeits- und Lebensbedingungen der Schichtarbeiterinnen werden immer individueller und differenzierter, und sein schlagfertiger Humor stellt sich auch wieder ein.

Keine Idealbesetzung

Dass er nicht gerade die Idealbesetzung für diesen Posten ist, dessen ist sich Gysi bewusst. "Den Hohn und Spott hatte ich nicht zuerst in den Medien, sondern zu Hause bei meiner Frau", sagt er. Gysi wäre nicht Gysi, wenn er das nicht als besondere Herausforderung empfände. Da er nun mal die Bereiche Arbeit und Frauen zum Wirtschaftsressort dazu bekommen habe, "werde ich jetzt auf diesem Feld besonders ehrgeizig, da man mir da die meisten Defizite zutraut. Nach fünf Jahren soll man sagen: Der Schlechteste war ich nicht", formuliert der Senator seine eigene Zielvorgabe.

Die Frauen im "Erotik-Etablissement Text und Form" in Schöneberg - am Klingelschild aus Diskretion sinnigerweise Übersetzungsbüro genannt - sind angetan von ihrem neuen Interessenvertreter. Camilla, seit 27 Jahren Domina, nutzt den hohen Besuch, um für noch mehr Rechte und Absicherung der Huren zu werben. Gysi schlägt gleich ein Treffen in seinem Büro vor, um sich der Probleme anzunehmen. Die Worte Bordell oder Prostituierte kommen dem Senator im direkten Gespräch nicht über die Lippen. Camilla nennt ihre Arbeitskolleginnen auch lieber Lustbegleiterinnen.

Katastrophale Finanzsituation

Krankenschwester Michaela Paserin in der Rettungsstelle des Urban- Krankenhauses in Kreuzberg klagt Gysi das Leid aller öffentlichen Einrichtungen in Berlin: Ständiger Personalabbau wegen der katastrophalen Finanzsituation des Landes. Der PDS-Politiker zeigt sich betroffen und hilflos. Auch die Sortiererinnen im Briefverteilzentrum Tempelhof halten den Besuch des Frauensenators nicht für einen reinen PR-Gag. Angela Mudrick, seit zwölf Jahren am Band, sagt: "Das ist doch eine nette Geste. Und vom Menschlichen mag ich Gysi gern: Locker und bereit, zu reden und zuzuhören."

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