Aufbau einer Friedensordnung erfordert diplomatisches Geschick
Analyse: Heikle Gratwanderung am Hindukusch

Die Vertreibung der Taliban von den Schaltstellen der Macht in Afghanistan ist schneller gelungen, als viele Skeptiker erwartet hatten. Jetzt erst beginnt der eigentliche Kraftakt. In Afghanistan muss eine neue politische Ordnung geschaffen werden, die das Land aus Bürgerkrieg und wirtschaftlichem Elend herausführt.

Ob Vereinte Nationen, Amerikaner oder Europäer dabei über die Bildung einer Interimsregierung hinaus tatsächlich entscheidenden Einfluss auf die künftigen Strukturen in Afghanistan haben werden, ist höchst fraglich. Denn dass nicht nur die Vertreter der Nordallianz allenfalls begrenzt ausländische Mitsprache beim Aufbau des neuen Afghanistan tolerieren, ist historische Erkenntnis.

Für die Diplomaten am Werderschen Markt in Berlin mag es als Fischers Coup gelten, die zerstrittenen Kriegsherren an den Verhandlungstisch in Berlin zu holen. Aber es wäre vermessen, von der Afghanistan-Konferenz am kommenden Montag Substanzielles zu erwarten. Der aus dem Exil zurückgekehrte afghanische Präsident Burhanuddin Rabbani hat jedenfalls ihre Grenzen bereits aufgezeigt. Er geht nicht davon aus, dass die Würfel für die politische Zukunft Afghanistans im Ausland fallen. Und selbst die Uno gibt sich merklich reserviert. Aus gutem Grund: Der Nationalstolz der Afghanen verbietet eigentlich ausländische Einmischung am Hindukusch. Sie wollen sich daher weder militärisch noch politisch am Zügel führen lassen. Das haben bereits die Russen in zehn langen Jahren des Krieges schmerzhaft zu spüren bekommen.

Lakhdar Brahimi, Uno-Beauftragter für Afghanistan, hat diese Erkenntnis bereits weise in seine Kalkulationen einbezogen. In das Fünf-Punkte-Programm der Vereinten Nationen hat er weder einen Blauhelm-Einsatz in Afghanistan hineingeschrieben noch die Einrichtung einer Uno-Verwaltung gefordert. Frieden entsteht in Afghanistan nur, wenn sich Stammesfürsten, ethnische Minoritäten und Warlords aussöhnen. Wer aber die jüngere Geschichte des Landes verfolgt hat, weiß nur allzu genau, wie wenig Anlass zu Optimismus besteht. Chaos, Anarchie und Grausamkeit haben über die letzten zwanzig Jahre das Schicksal Afghanistans bestimmt. Ob Mudschahedin, Milizen der Nordallianz oder Gotteskämpfer der Taliban, sie alle haben am Hindukusch ein Trümmerfeld hinterlassen. Darauf lässt sich eine Nation nur schwerlich wieder aufbauen. Zumal die einzige Klammer, die die Gruppierungen zusammenhält, die Empfindlichkeit gegenüber ausländischer Bevormundung ist. Zwar könnten sich die Kontrahenten vorübergehend zusammenraufen, um zu verhindern, dass Afghanistan unter das Joch ausländischer Mächte gerät. Aber das ist noch keine stabile Ausgangsbasis für eine friedliche Zukunft.

Die in der "Gruppe der 21" bei der Uno zusammengeschlossenen Nationen und die Hilfsorganisationen, die nun eine Lösung für Afghanistan suchen, begeben sich auf eine heikle Gratwanderung am Hindukusch. Sie dürfen keinesfalls den Eindruck erwecken, dass Afghanistan fortan unter fremder Knute stehen könnte. Zugleich müssen sie dafür Sorge tragen, dass Demokratie und Menschenrechte wieder Einzug halten. Diese Begriffe gehörten in den vergangenen zwei Jahrzehnten aber nicht gerade zum politischen Alltagsvokabular in Kabul. Wie schwer es den Fraktionen fällt, Macht zu teilen, realisiert die internationale Gemeinschaft erst allmählich. Bestenfalls zähneknirschend akzeptiert die Nordallianz die Vorstellung, rivalisierende politische Bewegungen am Aufbau Afghanistans zu beteiligen. Uno und USA müssen mit viel diplomatischem Fingerspitzengefühl vorgehen, um das Machtvakuum in Kabul zu füllen, sonst zerplatzen die Friedensträume sehr schnell. Und dann herrscht am Hindukusch wieder Anarchie.

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