Aufforderung an bin Laden zur freiwilligen Ausreise
Mullahs liefern Meisterstück der Verzögerungstaktik

Der Rat islamischer Rechtslehrer hat sich nach zwei Tagen endlich entschieden und in der afghanischen Hauptstadt Kabul der Taliban-Regierung empfohlen, Osama bin Laden zum Verlassen des Landes aufzufordern - allerdings "nach seinem eigenen Ermessen und zu einer Zeit seiner Wahl".

bi NEU DELHI. In einem zweiten Edikt wird den USA der "Heilige Krieg" in Aussicht gestellt für den Fall, dass sie Afghanistan angreifen. "Wenn ein mächtiges Land ein schwaches Land angreift, dann ist dies eine Jehad für alle Muslime." Der Text ist in einem unpolemischen Ton abgefasst und drückt sein Bedauern über die Opfer der Terroranschläge in den USA aus, verbunden mit der Hoffnung, dass die USA die "wirklichen Schuldigen" bald dingfest machen. Er endet mit der Aufforderung an die USA, Afghanistan doch nicht anzugreifen und Geduld zu haben. Die Vereinten Nationen und die aus 52 Staaten bestehende Organisation der Islamischen Konferenz wurden aufgerufen, die Terrorvorwürfe gegen bin Laden zu untersuchen.

Taliban spielen weiter auf Zeit

Die Ablehnung einer Auslieferung bin Ladens war erwartet worden, nachdem sich Taliban-Chef Mullah Omar bei der Eröffnung der "Majlis e-Shura" einer Übergabe ein weiteres Mal widersetzt hatte. Die vorsichtige Formulierung, die ein Nachgeben suggeriert, um dieses anschließend wieder rückgängig zu machen, ist ein Paradestück von Verwischungskunst, ersichtlich am paradoxen Titel, den die meisten Agenturen der Meldung gaben: "Rechtsgelehrte drängen bin Laden zur freiwilligen Ausreise". Damit soll wohl der internationale Druck aufgefangen und die Türe für Verhandlungen offen gelassen werden, ohne in der Sache - Auslieferung an die westliche Justiz - nachzugeben.

Die Fatwa ist auch nicht direkt an den Saudi bin Laden gerichtet, sondern an die Taliban, deren Aufgabe es nun ist, eine entsprechende "Aufforderung" auszusprechen, was wiederum Zeit verstreichen lässt. Der Erziehungsminister der Taliban erklärte in Kabul, Mullah Omar werde das Rechtsgutachten umsetzen und bin Laden zur Ausreise auffordern; dies werde aber, fügte er hinzu, "einige Zeit dauern". In Pakistan haben sich die Anhänger und Gegner bin Ladens noch nicht zu Wort gemeldet. Am Freitag dürfte sich das Bild klären. Ein Zusammenschluss von 35 islamischen Organisationen hat zu Protesten aufgerufen. Sie werden zeigen, ob es ihnen gelingt, neben den eigenen lautstarken Kadern auch die große Masse moderater Bürger gegen die USA zu mobilisieren.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%