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"Aufnahme der Türkei wäre ein Test für Europa“

Jeremy Rifkin, Autor des Buchs "Der Europäische Traum", über einen möglichen EU-Beitritt der Türkei.

Herr Rifkin, viele Europäer stehen einem möglichen EU-Beitritt der Türkei skeptisch gegenüber. Ist das für Sie nachvollziehbar?

Ich kann nur dazu raten, das alles etwas entspannter zu sehen und es vor allem als Chance zu begreifen. Aber ich verstehe die Bedenken. Schließlich geht es um einen Wendepunkt in der europäischen Geschichte. Die EU ist das radikalste Regierungsexperiment, das es je gab. Es entsteht ein transnationaler Raum. Die Bürger sind nicht länger Bürger eines Territoriums, sondern gemeinsamer Ziele und Ideale.

Was eint die Europäer?

Es ist das Wissen um die gegenseitige Abhängigkeit, der Wunsch nach nachhaltiger, umweltschonender Entwicklung. Es ist die Lebensqualität, das Recht auf soziale Absicherung, die Umsetzung allgemeiner Menschenrechte und der Schutz der multikulturellen Vielfalt. Nur wer sich daran orientiert, kann der Union beitreten.

Und die Türkei ist so weit?

Die EU hat Kriterien festgelegt, die als Maßstab dienen. Die Türkei erfüllt diese Kriterien zum großen Teil.

Kritiker wenden ein, aller Fortschritt in Sachen Wirtschaft, Zivilstaatlichkeit und Menschenrechte wiege nicht auf, dass die Türkei ein islamischer Staat sei.

Sicher, die Aufnahme der Türkei wäre ein Test für Europa und für den Europäischen Traum. Er basiert nämlich nicht auf Einheitlichkeit, sondern auf multikultureller Vielfalt. Wenn die Türkei aufgenommen wird, wächst das Vertrauen in das, was Europa symbolisiert, nämlich eine Art Mikrokosmos der Welt. Das funktioniert natürlich nur, wenn man Kultur als Geschenk begreift, das man miteinander teilt, und nicht als Besitz, den es zu verteidigen gilt.

Was ist der Klebstoff, der alles zusammenhält?

Nicht Glaube, nicht Streben nach materiellem Fortschritt - es ist Empathie. Das Wissen darum, dass wir in einer engmaschig vernetzten, globalen Welt alle gleich verletzlich sind, lässt uns im Streben des anderen immer auch uns selbst sehen. Ob es uns passt oder nicht, alles hängt heute mit allem zusammen. Das macht verletzlich.

Und wo sind die Grenzen Europas?

Ich weiß nicht, wo die Grenzen sind. Wir müssen überdenken, was genau eine Union ist. Es gibt viele Arten von Zusammenschlüssen in der modernen Welt. Sie beruhen in erster Linie auf Vernetzung. Die EU ist weniger ein Ort als vielmehr ein Prozess, in dessen Folge widerstreitende Vorhaben und Interessen ausgehandelt und zu Kompromissen geführt werden.Es wird eine Zeit geben, da wird Europa erkennen, dass es ein Limit erreicht hat. Dabei wird es aber nicht um einen Raum gehen, sondern darum, ob man noch das tun kann, was man tun will.

Was wäre Voraussetzung für eine Erweiterung der EU in der Zukunft?

Die Integration des Binnenmarktes, über die Bereiche Energie, Transport, Freizügigkeit der Arbeitskräfte bis hin zu Englisch als Lingua franca, ist das zentrale Element für die Zukunft. Nur so kann die EU ihre Wachstumsziele erreichen, ohne dass die sozialen Errungenschaften leiden müssten. Das ist auch notwendig für eine Erweiterung.

Die Fragen stellte Thomas Ludwig.

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