Aufregung rund um das Weltwirtschaftsforum
Davos rüstet sich für Debatten und Krawalle

Wie in jedem Frühjahr seit 31 Jahren wird der Schweizer Skiort Davos zum Magneten für Politiker, Unternehmer und Medienvertreter. Im Gegensatz zu vielen vorangegangenen Jahren droht das Weltwirtschaftsforum in diesem Januar aber auch von radikalen Gegnern des WEF heimgesucht zu werden.

HB DAVOS. Rund 3200 Gäste sind offiziell zu der sechstägigen Veranstaltung mit über 300 Vorträgen, Workshops und Diskussionen geladen. 4000 bis 5000 weitere Besucher sind es nicht. Sie wollen demonstrieren: Gegen jene Leute, die sie als Hauptschuldige für die Globalisierung der letzten Jahre und deren negative Folgen betrachten.

Der militante Kern unter ihnen möchte nach Erkenntnissen der Polizei das Forum verhindern, das Kongresszentrum stürmen und gewaltsam besetzen. Es wird eng werden in Davos. Das glauben auch die lokalen Behörden. Wie schon im Vorjahr haben sie die für Samstag angesagte Demonstration gegen das WEF untersagt. Die Meinungsfreiheit sei zwar wichtig, heißt es in der Begründung, aber die Schweiz sei völkerrechtlich dazu verpflichtet, für die Sicherheit der rund vierzig Staats- und Regierungschefs zu sorgen. Das größte Polizeiaufgebot, das die Schweiz je gesehen hat, unterstützt von rund 1000 Angehörigen der Armee, sollen diese garantieren.

Seit Tagen kontrollieren Soldaten aus Angst vor Anschlägen die Strommasten im Landwassertal, das die auf 1500 Metern über dem Meer gelegene Alpen-Kleinstadt beherbergt. Absperrgitter warten zuhauf auf ihren Einsatz. Kleinhändler, die Ware nach Davos bringen, müssen wie an einem südamerikanischen Kontrollposten gegen Drogenschmuggel ihre Tomaten nach versteckten Gegenständen durchwühlen lassen. Die Behörden erließen Aufrufe an die Bevölkerung und an die Hotelbetriebe, den Demonstranten keine Unterkunft anzubieten. Wer mit Transparenten oder andern verdächtigen Utensilien entdeckt wird, soll gar nicht erst nach Davos hinein gelassen werden. Die Schweiz hat vorsorglich 300 Einreisesperren gegen "bekannte Störenfriede" verhängt.

Diese setzen derweil auf ihre Phantasie. Hunderte Globalisierungsgegner seien bereits in Davos, heißt es. Andere wollen als Skitouristen einreisen, notfalls in andern Ortschaften ins lokale Skigebiet einsteigen und über das weit verzweigte Pistennetz doch noch in ihr Ziel hinunterschwingen. Aktenkoffer statt Tramperrucksack, lautet ein anderer Tipp. Und für Hobby-Eskimos und jene, die kein Dach finden sollten, liefert eine Website eine Anleitung zum Bau eines Iglus.

Kein Wunder, dass das US-Außenministerium seine Bürgerinnen und Bürger mittlerweile nicht nur vor Ausflügen nach Kirgisien, Peru und Osttimor offiziell warnt, sondern auch vor einem Abstecher nach Davos. Alle Amerikaner sind für die Globalisierungsgegner potenzielle WEF-Gäste und damit bei Ausschreitungen besonders gefährdet, lautet die US-Logik. "Wir befinden uns nicht im Kriegszustand", kritisiert dagegen der Bürgermeister von Davos, Erwin Roffler, die Mahnung aus Washington. Und ein Sprecher der Regierung erklärt, die Schweiz spreche ähnliche Warnungen nur aus, wenn ein Putsch drohe. "Es ist unmöglich", erklärt der Graubündner Polizeikommandant Peter Aliesch, "mehr zu tun, um die Besucher zu schützen."

Was als beruhigender Aufruf gedacht ist, deckt aber auch die Grenzen eines möglichen Polizeieinsatzes auf. Auf Grund der dörflichen Verhältnisse dürfte es schwierig werden, die Lage völlig unter Kontrolle zu halten. Zahlreiche Geschäftsinhaber wollen ihre Läden am Samstag aus Angst vor Plünderungen gar nicht erst öffnen. Das örtliche McDonalds-Restaurant, beliebtes Ziel für Sachbeschädigungen, hat für die Forumstage eine zusätzliche Absperrung aufgebaut.

Derweil kann der deutschstämmige Direktor des WEF, Klaus Schwab, nicht recht verstehen, was die ganze Aufregung eigentlich soll. In einer Anzeigenserie beklagte er sich, dass die öffentliche Diskussion über das Davoser Forum von den extremen Meinungen seiner Gegner dominiert sei - und das in einem Land, das für seinen Geist des fairen Dialogs und der Zusammenarbeit geschätzt und respektiert werde.

Schwab steht mit seiner Einschätzung nicht alleine da. Auch unter den Globalisierungsgegnern gibt es viele, die mehr über politische Inhalte als über Polizeistrategien diskutieren möchten. Ein paar Nichtregierungsorganisatoren führen deshalb einen viertägigen "Gegengipfel" durch, der unter dem Namen "Das öffentliche Auge auf Davos 2001" alternative Standpunkte diskutieren wollen. Das sind die Gemäßigten, die auch die unbewilligte Demonstration vom Samstag nicht mit verantworten wollen.

Und dann gibt es noch die Angepassten. Sie nehmen am Forum selber teil, weil sie es wichtig finden, die Entscheidungsträger direkt mit ihren Ideen zu konfrontieren. Zu ihnen gehört Greenpeace-Chef Thilo Bode. Er sagt, weshalb: "Eine Uno-Vollversammlung ähnelt im Vergleich zum Weltwirtschaftsforum einem Gemeindeparlament, was Einfluss und Macht betrifft. Deshalb muss man dabei sein in Davos und versuchen, das Treffen für die eigenen Ziele zu nutzen."



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