Aufschwung kommt in Ostasien nur langsam
Gegen China kommen andere asiatische Staaten nicht an

Im vergangenen Jahr erlebte Ostasien den schärfsten Export-Kollaps seit zwei Jahrezehnten. Nun sehen Volkswirte die Talsohle des Konjunkturabschwungs erreicht. Doch anders als nach der Asienkrise besteht wenig Hoffnung auf eine schnelle Erholung.

HB HONGKONG. Die Region leidet unter einer dreifachen Abhängigkeit: vom Export, von der Elektronik und vom US-Markt. 2001 brach der Export in die USA um 11% ein. In extrem technologieabhängigen Ländern, wie Singapur oder Taiwan, war der Rückgang sogar nahezu doppelt so hoch. Die Rezession ist dort schlimmer als in der Finanzkrise 1997.

Nun mehren sich von Seoul bis Singapur Zeichen, dass zumindest die Talsohle erreicht ist: "Der Rückgang der Industrieproduktion hat den Tiefpunkt durchschritten," sagt Michael Spencer, Chefvolkswirt der Deutschen Bank in Asien. "Die Exporte haben sich stabilisiert," diagnostiziert Morgan Stanley-Analyst Andy Xie, "auch die Lagerbereinigung ist zu Ende, und die Chip-Preise haben sich erholt." Das ist wichtig, denn über Asiens Zukunft entscheidet die Erholung des Technologie-Zyklus. Elektronik macht mehr als ein Drittel der Ausfuhren aus; in Taiwan, Malaysia und auf den Philippinen sind es über die Hälfte; in Singapur fast zwei Drittel.

Vor vier Jahren hatte der explosiv anziehende Technologie-Exporte der Region noch erlaubt, sich blitzschnell aus der Krise zu katapultieren. Doch der IT-Boom ist verpufft. In diesem Jahr dürften die Ausfuhren aus Ostasien ohne China um lediglich 5,5 % steigen, glaubt Xie. Mit 2,5 % sieht er das Wirtschaftswachstum in der Region nur halb so stark ausfallen, wie nach den vergangenen vier Konjunkturtälern. Xie gesteht Hongkong und Singapur nur noch 2 bis 3 % Wachstumspotential zu, Südkorea und Taiwan 3 bis 4 %.

Diese nüchterne Prognose setzt ein dickes Fragezeichen hinter die aktuelle Börsen-Euphorie an Asiens Märkten. Xie blickt vor allem skeptisch auf die Verschuldung der US-Verbraucher. "Das könnte die Nachfrage nach Asiens Exportgütern auf Jahre schwach halten," warnt er. Der Anteil der Region an den US-Importen schrumpft stetig: von 40 % vor sieben Jahre auf 33 % im Vorjahr - nicht, weil weniger Waren geliefert werden, sondern weil der harte Wettbewerb die Preise purzeln lässt. Am schärfsten ist derzeit die Konkurrenz zwischen Japan, Südkorea und Taiwan. Den Wettstreit um Anteile am Export-Kuchen versucht Japan derzeit mit Hilfe einer schwächeren Währungen zu gewinnen. Der wirkliche Konflikt wird jedoch zwischen China und seinen Nachbarn ausgetragen. China dürfte seine Kostenvorteile noch 20 Jahre behalten, schätzt Xie. Selbst ein massiver Abwertungswettlauf könne das Blatt nicht wenden.

Langfristig bleibt Ostasien keine andere Wahl, als neue Industrien aufzubauen, vor allem im Dienstleistungsbereich. "Dass Strukturreformen weg von Industrie-Exporten der Schlüssel zur Zukunft sind, will aber niemandem in den Kopf," kritisiert Tim Condon, Chefvolkswirt für Asien bei ING Barings. Nicht nur Japan sei reformunfähig, auch in Ländern wie Taiwan, Malaysia und Thailand sei die Inlandsnachfrage schwach und das Banksystem marode. Selbst Singapur hat seiner Ansicht nicht verstanden, dass sich in Chinas Dunstkreis keine Industrieproduktion halten kann. Nur Südkorea, Indonesien und China verfügten über genügend Binnennachfrage, um externe Schocks zu dämpfen, nur von diesen Ländern erhofft er sich in diesem Jahr nennenswertes Wachstum. Auch Condon glaubt ebenso wie Xie nicht an einen schnellen Aufschwung. "Um mehr als 2 % werden die Importe der USA dieses Jahr nicht steigen." Doch sehen nicht alle Experten schwarz. Michael Spencer, Chefvolkswirt der Deutschen Bank, erwartet, dass in Folger der anspringenden US-Konjunktur die Exporte "früher und stärker anziehen, als erwartet," sagt er. Ab dem zweiten Quartal sieht Spencer Außen- und Binnennachfrage, lockere Geld- und expansive Fiskalpolitik ineinander greifen. Zusammen mit einem starken Ausbau der leergefegten Lager werde dies ein überraschend starkes Wachstum entfachen. Spencer rechnet für mindestens 18 Monate mit einem dauerhaften Anstieg der Auftragseingänge aus Übersee und sieht Ostasien ohne China dieses Jahr um 4,2 % wachsen, im Jahr darauf sogar um 5,8 % - das ist mit Abstand die optimistischste Prognose einer Großbank. Als Wachstumsstars dieses Jahres sieht er China mit 7,5 % Wachstum. Auch Indien, Südkorea und Malaysia würden kräftig zulegen. Langfristig sei eine Sanierung des Finanzsystemes dringend notwendig.

Quelle: Handelsblatt
Oliver Müller
Handelsblatt / Korrespondent
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