Aufsichtsrat vieler Unternehmen
Giuseppe Vita: Diplomat und Kontrolleur

Der ehemalige Chef des Schering-Konzerns hat eine neue Karriere begonnen. Der Italiener wacht für deutsche Firmen über deren italienische Töchter und umgekehrt.

BERLIN. Vor einem Jahr hatte er seinen letzten großen Auftritt. Da präsentierte Giuseppe Vita noch in Berlin der versammelten Presse das Rekordergebnis des Pharmakonzerns Schering - das fünfte in Folge. Wenig später flochten ihm sogar die sonst eher kritischen Aktionärsvertreter einen Kranz und sprachen von einer "äußerst erfolgreichen Ära", die zu Ende gehe.

Seit seinem glorreichen Abgang als Vorstandschef ist es still geworden um Giuseppe Vita. Der 66-Jährige hat sich aber nicht etwa auf sein Altenteil zurückgezogen, sondern eine neue Karriere gestartet: als Berufsaufsichtsrat. Der Italiener sitzt für deutsche Unternehmen in den Kontrollgremien ihrer italienischen Töchter und Beteiligungen und umgekehrt.

So hat ihn der Mehrheitsaktionär von Hugo Boss, der italienische Bekleidungskonzern Marzotto, als Aufsichtsratschef in die deutsche Modefirma geschickt. Umgekehrt sitzt Vita für die Deutsche Bank im Verwaltungsrat ihrer italienischen Tochter, Deutsche Bank SpA, in Mailand.

"Mir macht es Spaß zu sehen, wie Europa zusammenwächst", erklärt Vita in seinem Büro im schicken Geschäftsviertel Berlin-Mitte. Diesen Prozess mitzugestalten, das sieht der kleine, sportliche Mann mit der hohen Stirn als seine wichtigste Aufgabe an. Dafür pendelt er oft zweimal in der Woche zwischen seinen beiden Büros in Berlin und Mailand.

Hier wie dort ist er oft Vermittler zwischen verschiedenen Unternehmenskulturen. Während in deutschen Aufsichtsräten eine Diskussionskultur gepflegt werde, seien italienische Verwaltungsräte eher von einem autoritären Stil geprägt, erzählt Vita, dessen italienischer Akzent kaum zu hören ist. Ein italienischer Mehrheitsaktionär wie Marzotto sei es gewohnt zu sagen: "So wird es gemacht und basta."

Vitas Job ist es dann, dem Familienkonzern die deutschen Gepflogenheiten mit diplomatischem Feingefühl näher zu bringen. Das ist eine Aufgabe, die dem Ex-Schering-Chef liegt. Aufsichtsrats-Kollegen beschreiben ihn als geschickten Verhandlungspartner - verbindlich in der Form, aber hart in der Sache. Im Gespräch wirkt der gebürtige Sizilianer zwar höflich und zurückhaltend. Doch hinter dieser Fassade steckt ein Mensch voller Energie, der Aufgaben konzentriert angeht, ohne das Ziel aus den Augen zu verlieren.

Vita, der immer noch gerne Ski und sogar Snowboard fährt, gefällt die Rolle des Ratgebers und Kontrolleurs, der in der zweiten Reihe sitzt und mitsteuert. "Ich sehe mich als offener Gesprächspartner, nicht aber als graue Eminenz", sagt er, und er wählt, wie es seine Art ist, seine Worte mit Bedacht.

Dass ein Aufsichtsrat sowohl in Deutschland als auch in Italien seine Manager kontrollieren kann, davon ist Vita selbstverständlich überzeugt. Vor kriminellen Machenschaften aber, sei man hier wie dort letztlich nicht gefeit. "Wenn Manager Zahlen geschickt fälschen, können Sie das kaum überprüfen", räumt er aber ein. Deshalb wünscht er sich für seine Karriere als Berufsaufsichtsrat vor allem eines: dass er über ehrliche Manager wacht oder einen Betrugsfall rechtzeitig erkennt - ob in Deutschland oder Italien.

In beiden Ländern fühlt sich der "bekennende Berliner" zu Hause, der auch im Aufsichtsrat des Axel Springer Verlags und des Energieversorgers Bewag sitzt. Nach Deutschland kam Vita vor 40 Jahren. Bald entschied sich der ausgebildete Arzt für eine Managerkarriere, die ihn über die italienische Pharmatochter 1989 an die Spitze des Schering-Konzerns führte.

Schon früh verstand sich der Vater zweier Kinder, der mit einer Norditalienerin verheiratet ist, als Mittler zwischen den Kulturen. Als die Ausländerfeindlichkeit Anfang der neunziger Jahre zum Thema wurde, nutzte er die Hauptversammlung bei Schering, um für mehr Toleranz zu werben.

Wird er immer auf Pendeltour zwischen Mailand und Berlin bleiben? "Solange ich solche Aufsichtsratsmandate in Deutschland ausübe - sicherlich." Ansonsten zieht es ihn zunehmend nach Italien zu seiner Familie. Dort verbringt er schon heute den Großteil seiner Freizeit.

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