Aufsichtsratssitzung am 21. Juni
Mobilcom sucht einen Ausweg

Gerhard Schmid, Vorstandsvorsitzender des Telekommunikations-Unternehmens Mobilcom AG, Büdelsdorf, will über ein Schiedsgerichtsverfahren den Konflikt mit dem französischen Mitaktionär France Télécom lösen.

abo/dri/hst/lip PARIS/HAMBURG. In dem Verfahren sollen Preis und Konditionen des Ausstiegs von Schmid festgelegt werden. An Mobilcom hält der Gründer knapp 40 %, seine Ehefrau 10 % und France Télécom 28,5 %. Am Dienstag hatte France Télécom das Rahmenabkommen mit Mobilcom zum gemeinsamen Aufbau eines UMTS-Netzes in Deutschland gekündigt. Gleichzeitig stellten die Franzosen alle Zahlungen an Mobilcom ein. Damit droht Mobilcom möglicherweise die Insolvenz, wenn Ende Juli 4,7 Mrd. Euro Bankkredite fällig werden.

"Das Schiedsgerichtsverfahren wurden vor kurzem eingeleitet", sagte ein Sprecher von Mobilcom. Schmids Vorstoß stieß bei France Télécom auf harte Ablehnung. "Damit kommt er zu spät. Wir haben das Rahmenabkommen unwiderruflich aufgekündigt", sagte ein enger Mitarbeiter von Finanzchef Jean-Louis Vinciguerra dem Handelsblatt. "Die Ankündigungen von Herrn Schmid sind für uns gegenstandslos." Man werde mit ihm nicht mehr verhandeln.

Vielmehr will sich France Télécom nun zunächst auf die Verhandlungen mit den betroffenen Banken über eine Lösung für die Mobilcom-Kreditlinie über 4,7 Mrd. Euro konzentrieren. Um zu vermeiden, dass France Télécom für die Schulden allein gerade stehen müsse, wenn Mobilcom insolvent werde, soll diese Lösung Informationen aus Unternehmenskreisen zufolge sicher stellen, dass der französische Telefonkonzern in diesem Falle Gläubiger werde wie die Banken auch. Erst anschließend werde man nach Wegen suchen können, wie sich Mobilcom retten lasse, hieß es in Paris. Die Frage, wer Schmid für wieviel Geld seine Aktien abkaufe, sei dabei von untergeordneter Bedeutung.

Nach französischen Medienberichten schließt der französische Konzern einen Rückzug aus Deutschland nicht mehr aus. "France Télécom kann auch ohne Deutschland leben", wird Vinciguerra dort zitiert. Das Unternehmen werde nicht um jeden Preis in Deutschland bleiben. France Télécom wies Analystenberichte zurück, nach denen Vinciguerra gesagt habe, weiter über eine Wandelanleihe zur Umschuldung des 4,7 Mrd. Euro Kredits der Banken an Mobilcom zu verhandeln: Der Finanzchef habe keinesfalls von Wandelanleihe, sondern lediglich von Finanzinstrumenten gesprochen.

Verfahren möglicherweise vor dem Internationalen Schiedsgerichtshof

Das von Schmid angestrebte Schiedsgerichtsverfahren, möglicherweise vor dem Internationalen Schiedsgerichtshof, dürfte ohnehin länger als bis 31. Juli dauern. Bei dem Verfahren wählt jede Vertragspartei eine Person, die die Interessen des Unternehmens vertritt. Diese wählen wiederum einen dritten neutralen Schiedsrichter, der bei strittigen Entscheidungen den Ausschlag gibt "Sollten sich die beiden Parteien nicht auf einen Schiedsrichter einigen, kann dieser durch den Gerichtshof bestimmt werden", erklärte ein Sprecher der Handelskammer Hamburg.

In Büdelsdorf gilt es inzwischen als sehr wahrscheinlich, dass Schmid auf der nächsten Aufsichtsratssitzung am 21. Juni von seinem Vorstandsposten abberufen wird. "Der Aufsichtsrat kann Schmid nach dem Mitbestimmungsrecht mit einfacher Mehrheit abwählen", sagte Konzern-Betriebsratschef Christian Teufel. Die mögliche Abberufung Schmids beflügelte den Börsenkurs von Mobilcom. Die Aktie schloss mit einem Plus von 14 % auf 7 Euro.

Die Mobilcom-Krise macht allerdings die beiden großen Netzausrüstungs-Lieferanten, Nokia und Ericsson, hochgradig nervös. Ericsson-Sprecher reagierten gereizt auf Fragen nach Lieferantenkrediten und UMTS-Netzlieferungen und zogen sich auf ein "Kein Kommentar"" zurück. Nokia bestätigte, dass UMTS-Lieferungen an Mobilcom angelaufen seien. Außerdem habe man dem deutschen Unternehmen Kundenkredite eingeräumt.

Über die Höhe wollte der Nokia-Sprecher keine Auskünfte geben, bezifferte die weltweiten Lieferantenkredite derzeit aber mit 1,5 Mrd. Euro. Nach Angaben von Mobilcom betrug der bis Ende 2001 in Anspruch genommene Kundenkredit von Nokia 640 Mill. Euro, bei Ericsson 270 Mill. Euro. "Probleme mit der Kundenfinanzierung sind das Letzte, was Ericsson derzeit braucht", meinte ein Stockholmer Analyst. Schwedens größter Konzern schreibt tiefrote Zahlen.

Wie das Handelsblatt aus Aufsichtsratskreisen von Mobilcom erfuhr, hatte France Télécom vor der Kündigung des Rahmenvertrages den Plan verfolgt, den norddeutschen Mobilfunkkonzern nach einer Mehrheits-Übernahme vollständig umzubauen. Danach sollte in einem Zeitraum von 100 Tagen zunächst die Hutchison Telecom GmbH, Münster, die der France-Télécom-Mobilfunktochter Orange gehört, mit Mobilcom verschmolzen werden. Gegen diesen Plan haben sich bisher die Münsteraner erfolgreich gewehrt. Zudem sollen 2 000 der insgesamt 6 000 Stellen gestrichen werden.

Rund um eine mögliche Mobilcom-Insolvenz tauchen inzwischen Spekulationen über Neueinsteiger in den deutschen Mobilfunkmarkt auf. In diesem Zusammenhang wird der Hongkonger Mischkonzern Hutchison Whampoa genannt, der aus der Konkursmasse eine Mobilcom ohne Schulden und mit UMTS-Lizenz kaufen könnte. Branchenexperten halten dies allerdings wegen der hohen Investitionskosten in ein UMTS-Netz für unwahrscheinlich.

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