Auftakt am Montagabend in Berlin
Erste deutsche "Pink Slip Party": Zwischen Sarkasmus und Hoffnung

Das Kündigungsschreiben wird gefeiert: Nach den Internetpleiten schwappen jetzt auch die Partys der angeschlagenen dot.com-Branche von den USA nach Deutschland. Ausgerechnet in der Nacht zum "Tag der Arbeit" steht am Montag (30. April) in Berlin die erste deutsche "Pink Slip Party" auf dem Programm.

dpa BERLIN. Dort können Jobsuchende aus der Internetbranche ihren Rausschmiss feiern, mit Gleichgesinnten reden und mögliche neue Arbeitgeber kennen lernen. "Pink Slip" heißen in den USA die rosa Kündigungsschreiben, die die krisengeschüttelte New Economy seit Monaten zuhauf verschickt.

"Es soll gelacht werden, es gibt keinen Grund, den Kopf in den Sand zu stecken", findet Party-Initiator Frank Lichtenberg. Er ist selbst Chef eines Startup-Unternehmens und Leiter des Arbeitskreises "Start-Ups" im Verband der deutschen Internetwirtschaft. Ob die Gekündigten wirklich alle über ihre Situation lachen können ist fraglich. Von Medien gefeiert und der Börse hochgejubelt schienen dem Aufstieg der New Economy keine Grenzen gesetzt. Auf den Partys der Szene wurden Kopfgeldprämien für neue Beschäftigte gezahlt. Nach dem Höhenflug fielen dann viele besonders tief.

Party in "spaciger" Atmosphäre

Gefeiert wird jetzt in ehemaligen Fabrikhallen, den Symbolen des Industriezeitalters. "Die sind ein Zeichen dafür, dass etwas zu Ende geht und vielleicht etwas Neues kommt", sagt Lichtenberg. Die 5000 Quadratmeter großen Reinbeckhallen im Berliner Ortsteil Niederschöneweide sollen "spacige" Atmosphäre schaffen. Lichtenberg zählt dabei auch auf die Ironie der Gäste: Viele würden mit den Logo-T-Shirts ihrer ehemaligen Arbeitgeber und mit pinken Perücken kommen.

Weiter geht es im Zweiwochentakt mit Partys in Frankfurt (17.5./Palast der Republik), München (31.5./Nachtwerk) und Hamburg (14.6./ACD). Die Spreemetropole sei für den Auftakt gewählt worden, weil sie die "Internet-Hauptstadt" sei, sagt Lichtenberg. Die meisten Ideen kämen aus Berlin. 900 Internet- und Multimediafirmen sitzen mittlerweile in der Hauptstadt - im vergangenen Jahr hat sich ihre Zahl verdoppelt.

Vergangenheitsbewältigung und Zukunftsperspektiven

Neben Vergangenheitsbewältigung soll die Party neue Verbindungen schaffen. Lichtenberg rechnet damit, dass einige mit der Zusage für einen neuen Job nach Hause gehen werden. Etwa jeder Zehnte der rund 1 000 erwarteten Gäste werde ein Headhunter oder Arbeitgeber sein. "Die Personalberater werden sich mit ihren Anzügen hervortun und hektisch herumlaufen." Mindestens 30 Kontakte zwischen Arbeitgebern und-suchenden seien schon vorab vermittelt worden.

Die Ansprüche der Jobsuchenden haben sich nach dem ersten Absturz geändert. Immer mehr Beschäftigte der New Economy drängen auf mehr soziale Absicherung, sagt Olaf Hofmann vom Kooperationsprojekt der ver.di-Gewerkschaften IG Medien und der DAG, "connexx.av". "Die Phase der Nasenprämierung stößt kontinuierlich auf Kritik bei den Leuten." Einheitlichere Gehaltsstrukturen seien bei den dot.coms jetzt gewünscht, Betriebsräte sind etwa bei Pixelpark in Gründung. Dagegen passt nach Ansicht Lichtenbergs eher das Einzelkämpfertum zur New Economy. "Die Branche kann mit althergebrachten Strukturen wie Gewerkschaften nicht überleben."

"Pink Slip Partys" ersetzen für ihn deshalb auch in Teilen die Arbeitsämter. Jobsucher aus Startup-Unternehmen wollten nur schnell ihre Geschichte erzählen und einen Lebenslauf per E-Mail schicken, dafür seien die Arbeitsämter zu bürokratisch. "Viele Leute haben sich auch durch ihren Ausflug in die New Economy ihren Lebenslauf versaut", sagt er. Sie brachen etwa ihr Studium ab und passen trotz hoher Qualifikation in keinen traditionellen Stellenmarkt.

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