Auftakt der Lipobay-Verfahren: Schwere Vorwürfe gegen Bayer

Auftakt der Lipobay-Verfahren
Schwere Vorwürfe gegen Bayer

Mit schweren Vorwürfen gegen den Bayer-Konzern hat in den USA der erste Prozess um das Medikament Lipobay begonnen. Das Verfahren im texanischen Corpus Christi gilt als wegweisend für die mehr als 7 000 Klagen, die gegen den deutschen Konzern wegen des Medikaments vorliegen.

NEW YORK/FRANKFURT. Bayer musste das Mittel gegen zu hohe Cholesterinwerte Mitte 2001 vom Markt nehmen, nachdem mehr als 100 Patienten nach Einnahme des Medikaments gestorben waren. Bei dem Fall in Texas geht es um den 80-jährigen pensionierten Ingenieur Hollis Haltom. Er hat nach Angaben seiner Anwälte nach der Einnahme unter Rhabdomyolyse, einer Form von Muskelzerfall, gelitten und kämpft noch heute mit gesundheitlichen Beschwerden. Die Anwälte des Klägers werfen Bayer vor, bereits frühzeitig von den Risiken des Medikaments gewusst zu haben. Trotzdem habe man Informationen zurückgehalten, höhere Dosierungen auf den Markt gebracht, den Vertrieb intensiviert und damit die Gesundheit der Patienten aufs Spiel gesetzt. Haltom wird von der prominenten und auf Schadensersatzklagen spezialisierten Kanzlei Mikal Watts vertreten. Sie hatte vor gut einem Jahr unter anderem 43 Mill. $ für einen Patienten erstritten, der durch ein Medikament von Pfizer Leberschäden erlitten hatte.

Von den Bayer-Rechtsanwälten wie auch vom Management werden indessen die Vorwürfe im Zusammenhang mit Lipobay nachdrücklich zurückgewiesen. Rechtsanwalt Philip Beck, der die Verteidigung des Konzerns leitet, bekräftigte in seinem Plädoyer, Bayer habe der amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA stets alle relevanten Informationen vorgelegt und die Ärzte frühzeitig vor bestimmten Nebenwirkungen gewarnt. "Wir sind sehr froh darüber, wie der Prozess läuft", sagte er am Freitag dem Handelsblatt. Ein Urteil in Texas wird in etwa zweieinhalb Wochen erwartet.

Eine weitere wichtige Vorentscheidung für Bayer könnte in den nächsten Tagen in Minneapolis fallen. Dort muss ein Distriktgericht des Staates Minnesota darüber entscheiden, ob Klagen gegen Bayer in einer Sammelklage gebündelt werden. In Sammelklagen, die es in Deutschland nicht gibt, klagt ein Betroffener stellvertretend für eine ganze Gruppe von Geschädigten. Bayer lehnt eine solche Sammelklage strikt ab. "Wir sind der Auffassung, dass die Fälle zu unterschiedlich sind und jeweils auf ganz individuellen Umständen und Erfahrungen beruhen", sagte eine Sprecherin der US-Tochter Bayer Corporation.

Der Fall in Corpus Christi steht mit der Entscheidung über die Sammelklage zwar in keiner direkten Verbindung. Da er aber ein erstes Urteil über mögliche Schadensersatz-Verpflichtungen bringt, wird er auch von anderen Klägern sehr genau beobachtet. "Das Ergebnis ist zwar nicht bindend. Aber es ist eben das erste Mal und daher hilfreich für uns", sagte Charles Zimmerman, der die Sammelklage gegen Bayer als einer der federführenden Anwälte anstrebt.

Welche finanziellen Belastungen die Klagen bei Bayer hinterlassen, ist weiterhin völlig offen. Nach letzten Angaben des Unternehmens liegen bisher 7 800 Klagen vor, wovon 450 durch Vergleiche beigelegt wurden. US-Anwalt Watts äußerte gegenüber der Investmentbank CSFB die Vermutung, dass es bis zu 50 000 Klagen geben könnte. Die meisten Analysten gehen jedoch von wesentlich niedrigeren Zahlen aus. Nach Schätzung von CSFB ist Bayer an der Börse schon so niedrig bewertet, dass der Kapitalmarkt indirekt bereits mehr als 8 Mrd. $ Kosten einkalkuliert.

Katharina Kort
Katharina Kort
Handelsblatt / Korrespondentin
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