Aufträge für die Bauwirtschaft
Hochwasser: Konjunkturfolgen schwer abzuschätzen

Die notwendigen Aufräum- und Reparaturarbeiten in den Hochwassergebieten könnten der Bauwirtschaft zusätzliche Aufträge verschaffen, sagten die Experten. Zudem müssten die betroffenen Menschen zerstörten Hausrat ersetzen und könnten den dadurch lahmenden privaten Verbrauch etwas ankurbeln. Allerdings würden die Verbraucher dann an anderen Ecken sparen.

Reuters FRANKFURT. Auch die Gemeinden müssten wegen leerer Kassen andere Ausgaben kürzen, um die zerstörte öffentliche Infrastruktur zu erneuern. Da die Überschwemmungen außerdem regional begrenzt seien, bleibe ein möglicher Effekt auf die Gesamtwirtschaft eher gering, hieß es.

Über ein Hintertürchen könnte das Hochwasser aber doch ein Konjunkturprogramm zur Folge haben: Die Regierung könnte trotz knapper öffentlicher Kassen dank einer Ausnahmeregelung von der Defizitgrenze von drei Prozent im europäischen Stabilitäts- und Wachstumspakt ein milliardenschweres Hilfsprogramm auflegen.

Die Folgen der Überschwemmungen für die Konjunktur sind für die Volkswirte schwer einzuschätzen, weil es gegenläufige Effekte gibt. "Augenscheinlich ist es für die Bauwirtschaft nicht ganz schlecht", sagte Stefan Bielmeier von der Deutschen Bank. Straßen, Brücken und Bahntrassen müssten repariert werden. Gerd Haßel von der ING BHF-Bank zufolge erhöhen schon die Aufräumarbeiten von Feuerwehr und technischem Hilfswerk die im Bruttoinlandsprodukt (BIP) gemessene Wirtschaftsleistung. Allerdings stünden dem mögliche Ausfälle in der Industrie und bei Dienstleistungen entgegen, sagte Haßel.

Ähnlich schwierig ist der Netto-Effekt auf den privaten Verbrauch einzuschätzen. "Bei Gebrauchsgütern könnte das schon einen kleinen Aufschwung auslösen", sagte Haßel. Aber auch dies sei regional begrenzt und dürfte sich kaum merklich in den bundesweiten Statistiken des Einzelhandels niederschlagen. Zudem dürften viele der Betroffenen an anderer Stelle sparen, um die Schäden zu bezahlen. "Der übrige private Konsum könnte dadurch wegbrechen", sagte Stefan Schilbe von HSBC Trinkaus & Burkhardt.

Verbilligte Kredite für die Hochwasseropfer dürften Schilbe zufolge ebenfalls kaum den privaten Konsum ankurbeln, da die Bürger das Geld wieder zurückzahlen müssen. Das von der Bundesregierung beschlossene Soforthilfeprogramm in Höhe von 385 Mill. Euro beinhaltet vergünstigte Darlehen der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) im Volumen von 100 Mill. Euro.

Wirtschaftsforscher halten unterm Strich maximal einen geringen Wachstumsimpuls für möglich. "Ich werde mein Konjunkturbild infolge dieser Entwicklung sicherlich nicht ändern", sagte Gustav Horn vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Die unmittelbare Folge der Hochwasser werde negativ sein, weil in den betroffenen Regionen landwirtschaftliche Produktion ausfalle. "In der Folge aber - und das zeigen die Entwicklungen nach anderen Katastrophen wie etwa dem Erdbeben im japanischen Kobe - waren die Entwicklungen ökonomisch gesehen positiv, weil sehr viel Geld dann beispielsweise in den Baubereich investiert wurde." Auch Carsten-Patrick Meier vom Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) zufolge könnte das Hochwasser die Konjunktur etwas stimulieren: "Prinzipiell führt es zu Abschreibungen und zu einem kleinen Konjunkturprogramm."

Insgesamt steht und fällt ein Konjunktureffekt nach Ansicht der Volkswirte mit der Frage, wie Reparaturen und Neuanschaffungen bezahlt werden. Die Gemeindekassen seien leer, weswegen möglicherweise andere Investitionen ausblieben, um die Schäden auszugleichen, sagte Haßel. Auch für Bund und Länder lasse der europäische Stabilitäts- und Wachstumspakt kaum Spielraum für große staatliche Hilfsprogramme.

Horn wies jedoch darauf hin, dass ein Überschreiten der Defizitgrenze wegen der Hochwasserkatastrophe möglicherweise unter eine Ausnahmeregelung des Maastrichter Vertrags fallen könnte. Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) antwortete auf die Frage nach der Gefahr, dass Deutschland durch die Kosten des Wiederaufbau die Defizitgrenze überschreiten könnte, sichtlich verärgert: "Das interessiert mich überhaupt nicht. Das will ich Ihnen mal sagen." Sprecher von Regierung und Bundesfinanzministerium bekräftigten allerdings, die Regierung wolle die Defizitgrenze einhalten.

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