Augen wurden vor den Warnsignalen der Börse verschlossen
Mexikos Aktien stehen noch im Zwielicht

Ausländische Investoren meiden derzeit die mexikanische Börse. Dabei sind die Aussichten des Landes gut.

MEXIKO-STADT. Lange Zeit wollten die Menschen am Fuße des Popocatépetl nichts wissen von der Gefahr. Weder Ascheregen noch dumpfes Grummeln hatte sie aus ihren Dörfern vertreiben können. Doch seit der Vulkan nicht nur Rauch, sondern auch Feuer und glühende Lava speit, bleibt nur noch die Flucht ins sichere, rund 70 Kilometer südöstlich gelegene Mexiko-Stadt.

Doch auch dort haben die Menschen ihre Augen vor den Warnsignalen verschlossen - allerdings nicht am Popocatepetl, sondern an der Börse. Obwohl der maßgebende Index IPC entgegen der allgemeinen Tendenz an den Weltbörsen im ersten Halbjahr einen Rekord nach dem anderen brach, wurden Analysten nicht müde, die Marke von 10 000 Punkten als Jahresendziel zu nennen. Doch sie haben sich gründlich getäuscht. Wenn es gut läuft, schafft es der IPC, am letzten Handelstag 2000 die Marke von 5 500 Punkten zu verteidigen - gegenüber dem Schlussstand 1999 ist das ein Minus von 1 500 Punkten oder elf Prozent.

Der Einbruch geht in erster Linie auf das Konto ausländischer Investoren, die mit 63 Milliarden Dollar fünf Prozent weniger als im Vorjahr im Aztekenland anlegten. Dabei ist die Wirtschaft in so guter Verfassung wie seit langem nicht mehr. Im Gesamtjahr 2000 wird das Inlandsprodukt wahrscheinlich um über sieben Prozent zulegen. Dennoch gibt es auf internationalem Parkett Misstrauen gegenüber Mexiko - auch, weil in diesem Jahr Wahlen anstanden. Der Sieg des Unternehmers Vicente Fox von der konservativen Partei der Nationalen Aktion (PAN) im Juli sorgte nur kurz für bessere Stimmung. Sinkende Preise für das wichtigste Exportprodukt Erdöl und erste Schwierigkeiten der neuen Regierung drücken auf die Kurse.

Die innenpolitische Lage bereitet Anlegern Kopfzerbrechen. Bei der Haushaltsdebatte im Kongress zum Beispiel ist Präsident Fox auf die Zustimmung einer Oppositionspartei angewiesen, da die PAN keine absolute Mehrheit hat. "Den Investoren machen weniger das Wirtschaftsprogramm und die Haushaltsvorgaben von Fox Sorge als deren politische Durchsetzbarkeit", urteilt der Chefanalyst der Bank Bancomer, Carlos Samano. Dazu kommt die abflauende Konjunktur in den USA - mit 80 Prozent des Außenhandels der wichtigste Wirtschaftspartner Mexikos - und der Einbruch der US-Börsen.

"Kurzfristig sehen wir ein paar Wolken", umschreibt Jorge Mariscal von Goldman Sachs seine Einschätzung. "Die Abschwächung der US-Konjunktur führt voraussichtlich dazu, dass die US-Investoren sich mehr auf den heimischen Markt konzentrieren, als nach Mexiko zu gehen. Zumal sie dort wegen des überbewerteten Pesos ein Umtauschrisiko haben", meint der Analyst.

Auf mittlere und längere Sicht ist Mexiko nach Ansicht der meisten Fachleute aber ein rentabler Investitionsplatz. "Die Wirtschaft wächst weiter, die Inflation sinkt, die Zinsen im Inland und im Ausland ebenfalls, was die bislang sehr hohen Finanzierungskosten senkt", führt Mariscal an.

Finanzminister Francisco Gil Diaz fährt parallel dazu einen Sparkurs: Das Haushaltsdefizit soll im kommenden Jahr bei 0,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts liegen. Als Inflationsziel peilt die Regierung 6,5 Prozent an. Bisher liegt die Teuerungsrate noch bei neun Prozent. Daneben will Fox überfällige Strukturreformen angehen, wie die Steuerreform, die Modernisierung des staatlichen Erdölkonzerns Pemex und die Öffnung des Petrochemie- und des Energiesektors für private Investitionen. Das könnte wieder ausländisches Kapital anlocken.

Die Rating-Agentur Moody?s gab Mexiko den so genannten Investitionsgrad, der ab einer Note von BB gilt. Juan Carlos Mateos von Merrill Lynch rechnet damit, dass die mexikanische Wirtschaft die Abschwächung der US-Konjunktur durch die anziehende Inlandsnachfrage kompensieren kann. "Der private Konsum wächst in diesem Jahr rund sechs Prozent und wird auch im kommenden Jahr ein wichtiger Faktor sein", prognostiziert er.

Für Mateos und Mariscal sind insbesondere inlandsorientierte Aktien interessant - der Telefongigant Telmex etwa, der Zementriese Cemex, die Medienunternehmen Televisa und TV Azteca oder Walmex (Wal-Mart de Mexico). Abzuraten sei hingegen von stark exportorientierten Unternehmen, die durch die abflauende US-Konjunktur in Mitleidenschaft gezogen werden.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%