Aus dem Feind wird ein Freund
HP-Chefin Fiorina holt zum Befreiungsschlag aus

Mitten in der größten Bedrängnis hat Carly Fiorina zum Befreiungsschlag ausgeholt: Die ehrgeizige Chefin des kalifornischen Computerkonzerns Hewlett-Packard hat mit der Übernahme des Konkurrenten Compaq einen Coup gelandet, der für neue Rahmenbedingungen in der krisengeschüttelten IT-Branche sorgt.

AP FRANKFURT/M. "Das wird ziemlich cool", meinte wenige Stunden nach der Nachricht aus den beiden Firmenzentralen ein leitender HP-Mitarbeiter in Böblingen. "Compaq ist hervorragend im PC- und Servergeschäft, wir sind stark in Service, Support und Software." Zwar werde es einige Zeit dauern, bis die beiden Unternehmen tatsächlich zusammengewachsen seien - "der frühere Feind ist jetzt unser Freund". Aber in der gegenwärtigen Situation sei Konsolidierung das einzig Richtige.

In der Münchener Compaq-Niederlassung ist am Dienstagmorgen die Überraschung groß. «Das müssen wir erst mal verdauen», sagt ein Manager. Ansonsten wird aber auch hier gesehen, dass die beiden Unternehmen ganz gut zusammenpassen; vor allem die Imaging-Technologie von HP rund um Drucker, Scanner und digitale Kameras wird als attraktive Ergänzung zum eigenen Hardware-Geschäft gesehen. "Jetzt muss man schauen, dass man diese Großkonzerne gut zusammenführt, das wird sicherlich sehr interessant", erklärt Firmensprecher Herbert Wenk.

Gerade bei Compaq aber weiß man, dass eine solche Aufgabe nicht immer einfach ist. Im Januar 1998 übernahm Compaq mit großen Hoffnungen das traditionelle Computerunternehmen Digital Equipment (DEC). Bei der Umsetzung der Fusion aber fielen erst einmal Verluste an, Werke mussten stillgelegt und Geschäftsbereiche aufgegeben werden. Unter der Regie von Compaq wurde die Entwicklung der VAX-Großrechner eingestellt, und selbst der von DEC übernommene Alpha-Prozessor spielt inzwischen keine Rolle mehr: In die künftigen Hochleistungsserver baut Compaq den Itanium von Intel ein, an dessen Entwicklung ausgerechnet Hewlett-Packard maßgeblich beteiligt war.

Kosteneinsparungen durch Fusion statt drastischer Schnitte

Die texanischen Computerbauer von Compaq gelten in der Branche als ehrgeizig und sportlich, während die schon 1938 als Messtechnikunternehmen gegründete Hewlett-Packard mehr dem klassischen Ansatz der Ingenieure und Elektrotechniker verbunden ist. Gerühmt wird oft der Führungsstil von Hewlett-Packard, wo alle ungeachtet von Hierarchien in ihren "Cubicles" - kleinen abgetrennten Arbeitsbereichen in riesigen Großraumbüros - vor sich hin werkeln.

HP erwartet von der Übernahme mit einem Preis von 25 Milliarden Dollar (27,6 Milliarden Euro/53,9 Milliarden Mark) in Aktien Kosteneinsparungen von zwei Milliarden Dollar im Geschäftsjahr 2003 - danach sollen es jährlich 2,5 Milliarden Dollar sein - und hat damit wieder eine klare Perspektive, um aus dem Konjunkturtal herauszufinden. In dem Ende Juli abgeschlossenen dritten Quartal des laufenden Geschäftsjahrs fiel der Gewinn von HP um 89 Prozent auf 111 Millionen Dollar, der Umsatz um 14 Prozent auf 10,1 Milliarden. Am 26. Juli kündigte das Unternehmen den Abbau von 6.000 Arbeitsplätzen an, und Fiorina äußerte sich im Konzert der Konjunkturauguren besonders pessimistisch: Vor 2002 seien keine Anzeichen für eine Besserung zu erkennen.

Professionelle Marktbeobachter wie Steve Kleynhans von der Meta Group in Stamford, Connecticut, gaben jedoch zu bedenken, dass HP seine Kosten noch stärker drücken müsse, um die Krise erfolgreich zu überstehen. Da die Firmenkultur von HP drastische Einschnitte in den Personalstand verbietet, hat HP-Chefin Carly Fiorina jetzt eine Alternative zum trostlosen Gesundschrumpfen entdeckt. Über die unmittelbaren wirtschaftlichen Konsequenzen hinaus wird der künftige Wettbewerb zwischen den beiden Giganten IBM und HP/Compaq auch die Weiterentwicklung der Informationstechnik prägen. Ende

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