Aus für Hürden-Superstar schockt China
Liu Xiang: Die gefallene Gazelle

Die Chinesen haben bereits drei Dutzend Goldmedaillen gewonnen. Wahrscheinlich werden sie die mit Abstand stärkste Nation dieser Olympischen Spiele sein. Aber das wichtigste Gold, das werden sie nun nicht mehr gewinnen können: Superstar Liu Xiang muss verletzt passen – das Aus des „Hürdengotts“ kommt einer nationale Katastrophe gleich. Ganz China trägt Trauer.

PEKING. Liu Xiang humpelt zum Start. Die Achillessehne wird diesen Vorlauf womöglich nicht aushalten. Das weiß er. Aber Liu Xiang quält sich. Peking 2008 – das sind schließlich seine Olympischen Spiele. Regungslos wartet der Hürdenläufer auf den Schuss. Er will sich aus dem Startblock katapultieren, in seinem Gesicht steht der Schmerz. Es geht nicht. Noch einmal wird er kurz erlöst, weil die Zeitmessanlage einen Fehlstart des Niederländers Marcel van der Westen anzeigt. Aber Liu Xiang weiß, dass seine Spiele vorbei sind. Um 11.51 Uhr reißt er sich die Startnummer 1 356 vom Trikot. Die Bahn zwei bleibt leer.

Pekings Sportfans sind bestürzt. Der 17-jährige Mei Liang kann vor einem Großbildschirm im Einkaufszentrum die Tränen nicht zurückhalten. „Das hätte nicht passieren dürfen“, sagt er mit zitternder Stimme. Auch an gesetzteren Mitbürgern geht das Ereignis nicht vorbei. „Für die Nation macht es keinen Unterschied, wir haben schon viele Goldmedaillen“, behauptet ein 47-jähriger Supermarktmanager. Seine Frau widerspricht: „Die Sache ist eine Katastrophe für China.“ Das 1,3-Milliarden-Einwohner-Volk fiebert seit Monaten dem Hürdenfinale am Donnerstag entgegen. Sportoffizielle hatten die Stimmung noch angeheizt und sich in Äußerungen verstiegen, dass alle seine Erfolge wertlos seien, wenn Liu Xiang nicht die Goldmedaille hole.

Liu ist im Reich der Mitte nicht nur der größte Sportstar. Der smarte 25-Jährige wird im ganzen Land als Held gefeiert. Als erster Chinese hatte er es in der Leichtathletik an die Weltspitze geschafft – diese Disziplin ist sonst eher von den Amerikanern und Briten dominiert. Und Liu ist der einzige chinesische Sportler, der Weltrekordler, Weltmeister und Olympiasieger war. In China kennt ihn jedes Kind. Überall lächelt der Superstar von Plakaten. Bei rund 20 Firmen steht Liu Xiang unter Vertrag. Der Liebling der Nation rennt für Visa mit Kängurus um die Wette, greift nach einem erfrischenden Glas Milch der Molkerei Yili und lobt in Werbespots Autos des koreanischen Herstellers Kia. Liu ist in China zudem das Gesicht von Coca-Cola, Nike und China Mobile. Mit etlichen Millionen Euro Werbeeinnahmen ist der Hürdensprinter einer der bestverdienenden Leichtathleten der Welt.

Jetzt ist der Held gefallen. Am Wochenende ist die alte Verletzung am linken Fuß wieder aufgebrochen, hatte sein Trainer Sun Haiping auf der Homepage des Hürdenläufers mitgeteilt. Nur einmal konnte er deshalb in diesem Jahr überhaupt starten – Ende Mai beim Grand-Prix in New York. Was er derzeit wirklich leisten kann, wusste keiner. Der Kubaner Dayron Robles war schneller als er und hat ihm am 12. Juni seinen Weltrekord genommen. Und vielleicht auch die Gewissheit, bei Olympia Gold holen zu können. Und für Liu zählt nur Gold – dabei sein reicht nicht. Es rankten sich gestern auch die Gerüchte, dass ihm die Absage verordnet worden sei, weil eine Niederlage gegen Robles schlimmer wäre als solch ein Abgang.

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