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Aus Zitronen Limonade machen – ohne Zucker

An den europäischen Aktienbörsen lassen sich noch Perlen finden. Aber es ist nur eine Hand voll.

LONDON. In der Rezession nach attraktiven europäischen Aktien zu suchen, ist ein wenig so, als wolle man den letzten Tropfen aus einer Zitrone pressen. Aber die Anstrengung kann sich lohnen, wenn man dabei einen guten Kurs erwischt. Zwar ist Europa bisher viel langsamer als die USA, das Wirtschaftswachstum durch niedrigere Zinsen anzukurbeln. Dennoch haben die Anleger derzeit eine einzigartige Chance, einige europäische Aktien auszuwählen, die auf einem weit niedrigeren Kursniveau als ihre amerikanischen Gegenspieler gehandelt werden.

Dabei darf man sich nicht von den düsteren Konjunkturaussichten für Europa abschrecken lassen. Die einzige Rettung vor einer ausgewachsenen Rezession ist nach Ansicht vieler Analysten eine aggressive Zinssenkung durch die Europäische Zentralbank.

Im defensiven Bereich sind in Europa noch einige Perlen zu finden. Dazu gehören die Versorger- und Einzelhandelsbranche. Auch ausgesuchte Werte im Stahlbereich halten sich gut und könnten viel versprechend sein, bevor sich eine spürbare Konjunkturerholung einstellt. In Europa wird jeder dieser genannten Sektoren im Durchschnitt mit einem niedrigeren Kurs-Gewinn- Verhältnis (KGV) als in den USA bewertet. Die Anlageprofis führen derzeit bei der Auswahl der Aktien einen Seiltanz auf: "Unser Team bevorzugt eine Mischung aus defensiven und zyklischen Papieren, um ein ausgeglichenes Portfolio zu gewährleisten", beschreibt Andrew Milligan, Stratege für globale Investitionen bei Standard Life Investments, sein Stock Picking.

In Europa sieht vor allem der oft in Vergessenheit geratene Forstwirtschafts- und Papiersektor attraktiv aus. Das KGV in diesem Segment liegt hier durchschnittlich bei nur 8,0 für 2003 gegenüber rund 17,6 in den USA, ermittelt die Londoner Research JCF Group. -Firma Mit einem KGV von 10,4 für 2003 ist die finnische Stora Enso bei europäischen Fondsmanagern beliebt. Und im Bereich Papierherstellung liegt mit UPM-Kymmene ein weiterer Finne ganz vorn in der Gunst der Profis. Die Papierbranche habe in den letzten zehn Jahren konsolidiert und lege eine größere Disziplin bei der Kapazitätskontrolle an den Tag, heißt es. Die Gewinne im Papiersektor seien zwar zurückgegangen, aber nicht - wie früher in Phasen der Konjunkturabschwächung - in Verluste umgeschlagen.

Auch im eher farblosen Sektor der Versorger sind nach Ansicht der Experten noch vereinzelte Glanzpunkte auszumachen. Das KGV der Branche liegt mit einem europäischen Durchschnitt von 9,9 für 2003 unter den 14,7 für US-Unternehmen. Udo Rosendahl, Leiter für europäische Wertpapiere bei DWS, sagt: "Wir suchen nach Aktien, die sich gegenüber einem Szenario des zweimaligen Abtauchens der Konjunktur in die Rezession ("double dip") als robust erweisen." Er hat seinen Aktienbestand an europäischen Versorgern ausgebaut und jüngst die Titel von Suez Lyonnaise des Eaux gekauft. Im Bereich Lebensmittel heißt es derzeit unter den Finanzexperten: Hände weg von den Getränken und volle Konzentration auf den Nahrungsmittel-Einzelhandel. Auch wenn die Titel von Lebensmittelherstellern und Getränkeproduzenten bereits kräftige Gewinne verbucht haben, gibt es im Bereich Handel noch einige ansprechende Chancen.

Saul Henry, Marktstratege von UBS Warburg in London, verweist darauf, dass die Nahrungsmittel-Einzelhändler in den letzten zehn Jahren im Durchschnitt einen Anstieg des Gewinns von 9,9 Prozent verbucht haben. Die Nahrunsgmittelhersteller kamen im Vergleich nur auf 5,7 Prozent. Henry empfiehlt Sainsbury mit einem KGV von 11,8 für 2003. Robert Kerr, Stratege für europäische Aktien bei der Bank of America, hält den deutschen Handelsriesen Metro mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von rund zwölf für attraktiv.

Auch wenn es seltsam anmutet, den Stahlsektor als wagemutig einzustufen: im momentanen Umfeld ist es so. "Stahl ist eine Branche, bei der wir tatsächlich Preiserhöhungen beobachtet haben", sagt Milligan von Standard Life. Sein Team besitzt Usinor-Aktien. Henry von UBS Warburg setzt auf den Stahlhersteller Corus mit einem KGV von nur 3,5 für 2003. Der Stahlsektor in Europa weist im Durchschnitt ein KGV von 9,3 für 2003 auf gegenüber 14,4 bei den US-Wettbewerbern.

Das Investieren gleicht derzeit der Kunst, aus einer Hand voll Zitronen Limonade zu machen. Und das ganz ohne Zucker.

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