Ausbildung auf veralteten Geräten
Tschechien droht technischer Knock-out

Seitdem der real existierende Sozialismus zerfallen ist, zieht es deutsche Unternehmer in die östlichen Nachbarländer. In Tschechien engagierten sie sich in den letzten zehn Jahren mit insgesamt 11 Mrd. Euro - vor allem in der Industrie. Damit liegen sie mit Abstand an der Spitze der ausländischen Direktinvestoren.

PRAG. Zu den Gründen für das Engagement beim Nachbarn gehört immer wieder die Verfügbarkeit gut ausgebildeter Mitarbeiter. Bisher konnte dies gelten - doch zeichnet sich ein Engpass ab, je komplexer die Investitionen werden und je höher die Herausforderungen an die Ausbildung. Denn zunächst hatten sich in Tschechien - vom Einstieg der Volkswagen AG beim Autobauer ?koda Auto abgesehen - vor allem Industrieunternehmen angesiedelt, die von einfacheren Produktionsabläufen und hohem Arbeitskostenanteil geprägt waren. Sie fanden Mitarbeiter noch in genügender Zahl und Qualifikation. Inzwischen ist der Markt eng.

Tschechiens Wirtschaft ist weitgehend restrukturiert und privatisiert. Die Produktivität der Betriebe steigt und nähert sich westlichen Werten. Doch auch die Produktionsprozesse in vielen Unternehmen werden komplexer - und die Nachfrage nach entsprechend hochqualifizierten Mitarbeitern steigt.

Das Land verzeichnet zwar eine Arbeitslosenquote von annähernd 10 %. Dennoch scheint der Arbeitsmarkt in manchen Regionen und für manche Qualifikationen wie leer gefegt. Dass in der Nachbarregion entsprechend qualifizierte Arbeitslose gemeldet sein mögen, hilft selten weiter: Denn tschechische Arbeitnehmer ziehen nicht gerne um, ihre Immobilität gilt als legendär.

Im Sozialismus hatte der Staat - sogar mit hoher Priorität - für eine qualifizierte Techniker-Ausbildung gesorgt. Nach der Wende dagegen verlor das technische Gewerbe seine Vorrangstellung. Knappe öffentliche Kassen diktierten plötzlich knappe Finanzmittel. Eine zähe Bürokratie stockte - und stockt bis heute - bei der Reform der Ausbildung. Deutsche und andere Auslandsinvestoren machen sich Sorgen um die nächste Generation von Mitarbeitern.

Ein Beispiel: In Zdar nad Sazavou - auf halbem Weg zwischen Prag und Brünn - produziert die Hettich CR seit 1994 Beschlagsysteme für die Möbelindustrie. Die Tochterfirma eines alteingesessenen Unternehmens aus Westfalen beschäftigt hier rund 400 Mitarbeiter, etwa 300 in der Produktion. Das Unternehmen würde weitere Mitarbeiter für die Fertigung einstellen - findet aber keine qualifizierten Bewerber.

"Die jungen Leute entwickeln immer weniger Interesse für technische Berufe", urteilt Horst Blom, langjähriger Hettich-Geschäftsführer in Tschechien. "Sie sind nicht unterrichtet über die vorhandenen Bedingungen und Karrierechancen." Alleine im Bezirk Zdar nad Sazavou gibt es zurzeit knapp 90 offene Stellen für Fräser, Schlosser und Werkzeugmacher. Der Lohn liegt bei 21.000 Kronen oder rund 645 Euro - und damit deutlich über dem Durchschnittseinkommen von 17.500 Kronen. Und doch greift keiner zu.

Blom will dies nicht weiter hinnehmen: "Wir müssen etwas tun für die jungen Leute!" Beim Besuch der örtlichen Berufsschule für Maschinenbau verstand er, warum kaum Interesse an technischen Berufen entstehen konnte: Die technische Ausstattung der Lehrwerkstätte war 30 Jahre alt - ebenso einige der Lehrbücher. Die Lehrer waren im Durchschnitt 45, die Meister 40 Jahre alt. Wie sollten dort Nachwuchstechniker begeistert werden? Und die Schule war kein Einzelfall. Derart vernachlässigte Berufsschulen aber entlassen Absolventen, die fern der Praxis ausgebildet wurden und Theorien lernen mussten, über die man - aus westlicher Sicht - zumindest streiten kann.

Einen möglichen Ansatz zur Verbesserung der Lage sehen viele Firmen inzwischen in einer engeren Zusammenarbeit zwischen Schule, Betrieb und Verwaltung. Auch eine Ausbildung nach Muster des deutschen dualen Ausbildungssystems scheint erstrebenswert. Dabei würden sich die theoretische Ausbildung in der Berufsschule und die Praxis im Ausbildungsbetrieb zeitlich die Waage halten. Das aber verursacht höhere Ausbildungskosten. Und: Das tschechische Steuerrecht lässt es nicht zu, die Kosten von der Steuer abzusetzen.

Der Hoffnungsschimmer: Unternehmensvertreter suchen das konstruktive Gespräch mit der staatlichen Seite in Prag und direkt am Standort. Die Frage einer bedarfsgerechten Ausbildung, so wissen sie, bleibt der vielleicht entscheidende Standortfaktor für Tschechien.

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