Ausblick 2002
Unternehmen rechnen mit schwierigem Jahr

Der deutschen Wirtschaft bläst 2002 der Wind ins Gesicht. Die meisten Branchen machen sich auf Rückgänge gefasst. Sowohl der Maschinen- und Anlagenbau als auch die Automobilindustrie rutschen wohl ins Minus. Die günstigsten Aussichten hat dagegen die Versicherungsbranche dank der Riester-Rente.

FRANKFURT/M. Die Stimmung in den meisten deutschen Unternehmen ist zum Jahreswechsel im Keller. So pessimistisch wie lange nicht mehr blickt die überwiegende Zahl der Branchen in das neue Jahr 2002. Nur ein Viertel der Wirtschaftszweige glaubt im kommenden Jahr an bessere Geschäfte. Die Dienstleistungssparten sind dabei deutlich zuversichtlicher als das Produzierende Gewerbe. Rund jede zweite Branche rechnet jedoch 2002 mit sinkenden Zahlen.

So schätzt der Maschinen- und Anlagenbau, wie eine Umfrage des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zeigt, seine Geschäftsperspektiven 2002 negativ ein. Die Volkswirte des Münchner Ifo-Instituts sehen für die Branche ebenfalls dunkle Wolken aufziehen. Sie erwarten, dass der Sektor, der im laufenden Jahr noch von hohen Auftragsbeständen profitierte, deutlich an Tempo verliert und ein Produktionsminus von 3 % einfahren wird. Dagegen ist Volker Borghoff, Aktienstratege bei HSBC Trinkaus & Burkhardt, für diesen Bereich etwas optimistischer. Er rechnet mit einer Erholung ab der zweiten Jahreshälfte. "Die Gewinnerwartungen für den Maschinenbau und die Industrie sind bereits sehr niedrig", erklärt Borghoff.

Auch in der chemischen Industrie kommt keine Silvesterlaune auf. Zwar glaubt das Ifo-Institut, dass sich die Branche im nächsten Jahr erholt. Auch Kai Franke, Aktienstratege der BHF Bank, sieht wegen sinkender Rohstoffkosten und wachsender Absatzmengen und Preise eine wieder steigende "Gewinndynamik". Der Fachverband VCI ist jedoch zurückhaltender. Stagnierende Umsätze und ein minimaler Produktionszuwachs um 0,5 %, lauten die Vorhersagen von VCI-Präsident Wilhelm Simson. "Die Chemie wird wohl im kommenden Jahr zu den Verlierern gehören", glaubt auch Analyst Borghoff.

Eine schwache Branchenkonjunktur steht ebenso dem Handel bevor. Der Einzelhandelsdachverband HDE hat wie sein Pendant BAG die Hoffnung aufgegeben, dass die seit Jahren schwächelnde Branchenkonjunktur an Fahrt gewinnen wird. Für 2002 werden stagnierende Erlöse erwartet.

Die deutsche Elektroindustrie blickt dagegen verhalten optimistisch in das kommende Jahr. Trotz der gegenwärtigen Schwächephase hofft der Zentralverband Elektrotechnik- und Elektroindustrie (ZVEI) für 2002 auf eine leichte konjunkturelle Erholung. "Für das zweite Halbjahr sehen wir Chancen für eine konjunkturelle Umkehr, auch wenn der Weg bis dorthin mit Stolpersteinen versehen ist", sagte ZVEI-Hauptgeschäftsführer Franz-Josef Wissing.

Vorsichtig optimistisch ist BHF-Aktienstratege Franke auch bei den Technologiewerten. "Dies gilt insbesondere für den Bereich Halbleitertechnik, der unseres Erachtens vor einem neuen, zyklischen Aufschwung steht", erklärte Franke.

Die mittlerweile überwundenen Folgen der Tierseuchen dürften laut IW in der Ernährungsindustrie im kommenden Jahr für steigende Umsätze sorgen. Klar auf der Gewinnerseite steht zudem die Versicherungsbranche. Sie kann für ihr Geschäft vor allem auf einen Schub durch die Riester-Rente rechnen. Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) sieht beim neuen Altersvorsorgemarkt im kommenden Jahr ein Marktpotenzial von rund 4 Mrd. Euro. Hinzu kommt nach Ansicht von HSBC-Analyst Borghoff ein Basiseffekt: "Die Zahlen der Versicherungen sind in diesem Jahr durch die Terror-Anschläge belastet", erklärt Borghoff. Außerdem würde die Branche von den angehobenen Prämien profitieren.

Dagegen werden die Banken nach Ansicht des Aktienstrategen zu den klaren Verlierern gehören. "Die Probleme wie etwa Kreditrisiken, Abwertungsbedarf, schwaches Geschäft in der Investmentsparte und bei der Vermögensberatung werden auch im kommenden Jahr bestehen bleiben", gibt sich Borghoff skeptisch.

Auch der größte deutsche Industriezweig, die Automobilindustrie, rechnet nächstes Jahr mit leichten Rückgängen. Vor allem das bisher starke Exportgeschäft zeigt zunehmend Ermüdungserscheinungen. Der Verband VDA stellt sich für 2002 auf ein Minus bei Zulassungen und Produktion ein - von einer Krise will Verbandspräsident Bernd Gottschalk jedoch nicht reden.

Die Reisebranche steht 2002 nach einhelliger Meinung der Experten vor ihrem bislang schwierigsten Jahr. Als Grund dafür gilt nicht nur die Verunsicherung nach den Anschlägen vom 11. September. Die weltweite Konjunkturkrise könnte stärker als bei früheren Flauten für Einbußen sorgen. Der Präsident des Deutschen Reisebüro und Reiseveranstalter-Verbandes (DRV), Klaus Laepple, erwartet 2002 eine Stagnation. Doch noch gilt das Prinzip Hoffnung: Bisher haben 90 % aller Deutschen einer TUI-Umfrage zufolge ihre Reisepläne für 2002 nicht umgeschmissen. Fest gebucht haben die meisten aber auch noch nicht.

Jens Koenen leitet das Büro Unternehmen & Märkte in Frankfurt.
Jens Koenen
Handelsblatt / Leiter Büro Frankfurt
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