Archiv
Ausblick 2005: Die Stahlhersteller rüsten sich für die Zeit nach dem Stahlboom

Die Stahlhersteller rüsten sich für die Zeit nach dem Stahlboom. Nach dem Ausnahmejahr 2004 verdichten sich die Anzeichen, dass die Branche ihren Höhepunkt bald überschreiten wird - vielleicht schon 2005.

dpa-afx FRANKFURT. Die Stahlhersteller rüsten sich für die Zeit nach dem Stahlboom. Nach dem Ausnahmejahr 2004 verdichten sich die Anzeichen, dass die Branche ihren Höhepunkt bald überschreiten wird - vielleicht schon 2005. Die chinesische Regierung rechnet für das kommende Jahr wegen eines langsameren Wirtschaftswachstums mit einer Abschwächung der Stahlnachfrage. Zudem will das Reich der Mitte mit mehr eigenen Stahlwerken seinen Import zurückfahren und damit der weltweiten Branche den Hauptantrieb nehmen.

Grund zur Panik besteht nach Meinung von Unternehmen und Experten nicht. "Die Hersteller konnten vor allem wegen der hohen Rohstoffkosten ihre Produktion nicht in der Größenordnung ausbauen, wie sie es wegen der hohen Nachfrage gerne getan hätten. Daher wird der Abschwung nicht so steil sein, wie das in anderen Zyklen der Fall war", sagt dit-Fondsmanagerin Petra Kühl. Die Unternehmen wären trotz der Boomphase vorsichtig geblieben und hätten die Restrukturierungen weiter fortgesetzt. "Es wird eine sanfte Landung." Mittelfristig müssten sich die Stahlkocher aber auf schwächere Zeiten vorbereiten.

Thyssen-Krupp HAT DIE Zeichen Erkannt

Deutschlands Marktführer Thyssen-Krupp hat die Zeichen erkannt. Auf der Stahlkonferenz in Istanbul im September kündigte Stahlchef Ulrich Middelmann für 1,3 Mrd. Euro den Bau eines neuen Werks in Brasilien an. Damit ist der Konzern nicht der einzige, der die Produktion in ein Rohstoffland verlagert, um Kosten zu sparen und international besser präsent zu sein. "Die Zukunft der Stahlindustrie liegt da, wo die Rohstoffe sind", sagte jüngst der Chef des südkoreanischen Stahlkonzerns Posco, Lee Ku-Teak. Sein Unternehmen prüft ebenfalls den Bau eines Stahlwerks in dem südamerikanischen Land. Branchenprimus Arcelor ist bereits in Brasilien vertreten.

Grund für die Auswanderung sind unter anderem die explosionsartig gestiegenen Rohstoffkosten - im vergangenen Jahr legten sie nach Angaben der Wirtschaftsvereinigung Stahl im Schnitt um 220 Prozent zu. Branchenexperten rechnen mit einem weiteren Anstieg 2005. Bislang können die Stahlkocher die Kosten zum Großteil an ihre Kunden weitergeben. So jagte 2004 eine Stahlpreiserhöhung die nächste. Doch schon sind Beschwerden von Kundenseite zu hören - die Autobranche etwa gerät an die Grenzen der Belastbarkeit. Mit Produktionsverlagerung in Rohstoffländer können die Stahlkonzerne Kosten sparen. So soll eine Bramme aus dem neuen Thyssen-Krupp-Werk in Brasilien rund 60 Euro günstiger sein als eine aus Deutschland.

Übernahmen und Fusionen

Bei dem neuen Stahlwerk will Thyssen-Krupp es nicht belassen. Deutschlands größter Stahlkocher hat zusätzliche Pläne, durch Übernahmen und Fusionen zu wachsen, und sich dadurch weltweit unter den Größten zu positionieren. In Europa sucht der Konzern nach Übernahmekandidaten, mittelfristig will er auch in China investieren. Nach Angaben von Thyssen-Krupp-Chef Ekkehard Schulz wird ein Einstieg oder eine Übernahme in China aber noch fünf bis zehn Jahre dauern, bis die Privatisierung in dem Land umgesetzt wird.

Unter Zeitdruck sieht sich der Stahlkocher bei seinen Plänen nicht. Im abgelaufenen Geschäftsjahr fuhr Thyssen-Krupp ein Rekordergebnis ein und konnte seine Schuldenlast auf ein unbedenkliches Niveau zurückfahren. Hinzu kommt, dass bei Langfristverträgen etwa mit der Autoindustrie die Stahlpreise erst für 2005 durchgesetzt werden konnten - das hält vor. Nach Meinung von Schulz ist die Boomphase aber genau der richtige Zeitpunkt zur Konsolidierung. "Man muss in der Hochphase konsolidieren", sagte er kürzlich der Finanz-Nachrichtenagentur dpa-AFX. Die meisten Unternehmen erkennen das in seinen Augen aber nicht. "Wenn es den Unternehmen gut geht, sitzen sie alle auf ihrem hohen Ross. Die Stahlmanager sind alle zu dumm."

Qualität Nicht AUS DEN Augen Verlieren

Aber offensichtlich nicht alle. Der indische Milliardär Lakshmi Mittal formt über eine Dreier-Fusion einen Mega-Stahlkocher. Dieser wird sich 2005 an die Spitze der Konzerne setzen. Mittal setzt damit ein Zeichen im Trend zu Riesenunternehmen mit Produktionsmengen von über 100 Mill. Tonnen. Zum Vergleich: In Gesamt-Deutschland wurden im vergangenen Jahr 46,5 Mill. Tonnen produziert.

Nach Ansicht von Arcelor-Chef Guy Dolle werden in wenigen Jahren einige solcher großen Spieler den Stahlmarkt beherrschen und damit die Preise bestimmen. Wer mitspielen will, muss sich jetzt darum kümmern. Nach Ansicht von Schulz müssen die Produzenten aufpassen, auf dem Weg zum Massenproduzenten nicht die Qualität aus den Augen zu verlieren. Investitionen in Forschung und Entwicklung seien wichtig - die Bewahrung des Know-How ist bei aller Konsolidierung ein entscheidender Vorsprung, meinen auch die Experten.

Wer bei dem Trend zur Konsolidierung nicht mitmachen, aber dennoch überleben will, muss genau dieses Know-How pflegen und sich darüber hinaus spezialisieren, meinte Salzgitter-Chef Wolfgang Leese. "Wir optimieren unsere Standorte in Deutschland." Salzgitter positioniert sich als Nischenanbieter. "Wir wollen den Dominanzstrategien der großen Player mit einem breiten Produktportfolio begegnen. Dies erfordert hervorragende Kostenstrukturen, eine hohe Qualität und noch stabilere Kundenbindungen." Das Konzept hat Erfolg: Nach einem Umsatz von voraussichtlich rund 5,5 Mrd. Euro 2004 rechnet der Konzern 2005 damit, die Erlöse über die sechs Mrd.-Euro Grenze zu steigern.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%