Ausgaben für Online europaweit nur bei 60 Mill. Euro
RTL-Group steuert Expansionskurs

Die RTL-Group will trotz des Einbruchs des Werbemarktes in Europa weiter wachsen. Insbesondere neue Märkte in Osteuropa stehen auf der Liste des Medienkonzerns, der letztes Jahr aus der CLT-UFA und Pearson Television hervorgegangen ist. In einem Gespräch mit dem Handelsblatt erklärt der Vorstandsvorsitzende der RTL-Group, Didier Bellens, auf der Fernsehmesse Mip-TV in Cannes: "Wir haben ein großes Interesse an einer Expansion in Osteuropa. Vor allem an Ländern mit einer geografischen Nähe zur Europäischen Union."

CANNES. Der Radio- und Fernsehkonzern entwickelte bereits mit großem Erfolg in Ungarn den 1996 gegründeten TV-Sender RTL Klub, der nach drei Jahren schwarze Zahlen schrieb. "Stimmen die Bedingungen können wir sehr schnell Lizenzen erwerben und Sender aufbauen. Darin haben wir eine große Erfahrung, wie wir in Ungarn schon bewiesen haben." Allerdings bleibt der Chef der in Luxemburg ansässigen Holding vorsichtig: "In Osteuropa ist der Zeitpunkt des Investments entscheidend. Wer zu früh investiert, kann eine Menge Geld verlieren."

Das Hauptinteresse der RTL Group gilt neben Spanien und Großbritannien derzeit Deutschland. Bellens erklärte zu den Ambitionen auf dem zweitgrößten Medienmarkt der Welt mit Blick auf Super RTL und RTL II: "Wenn einer unserer Partner Lust haben sollte zu verkaufen, wir stehen bereit zu einem vernünftigen Preis Anteile zu erwerben." Derzeit erwägt auch die Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ) den Ausstieg aus der RTL-Group. Dem in Essen beheimateten Zeitungskonzern gehört 7,4 % im Wert von schätzungsweise 3 Mrd. DM an der von Bertelsmann kontrollierten Gruppe.

RTL-Group-Chef gibt sich gelassen

Dass die RTL Group konsequent an einem europäischen Netz von Sendern rund um Entertainment, Handel und Information strickt, machte der Konzern zuletzt mit der Gründung des RTL Shops klar. Nach guten Erfahrungen mit Shopping-Kanälen in Belgien und Frankreich soll nun der deutsche Markt aufgerollt werden, der bisher von dem US-Sender QVC und dem Kirch-nahen Kanal HOT beherrscht wird.

Bellens, gebürtiger Belgier, trat auf der Mip-TV sehr selbstbewusst auf. "Auf europäischer Ebene haben wir keine Konkurrenten, sondern nur in den regionalen Märkten." Selbst die mächtige Konzerne von Leo Kirch und Silvio Berlusconi agieren aus RTL-Sicht eher regional, also vor allem in Deutschland, Italien und Spanien. Auch vor einem Angriffe amerikanischer Investoren auf dem europäischen Medienmarkt bleibt der nüchtern kalkulierende RTL-Group-Chef gelassen.

Der 44-jährige CEO kündigte gegenüber dem Handelsblatt an, dass die Gewinne der RTL-Group um mehr als 2 % steigen werden. "Hinsichtlich des Werbemarktes haben wir auf den Rückgang schon sehr früh und eindeutig reagiert: Wir kontrollieren stärker die Kosten." Konkret kündigte Bellens an, gerade bei den Kostenblöcken für Serien und Spielfilme die Kostenschraube anziehen zu wollen.

Defensive Internet-Strategie

Auch beim Internet will Bellens eine defensive Strategie verfolgen. Obwohl der Manager im Palais des Festival in Cannes noch am Montag seine optimistische Vision vom Verschmelzen von Fernsehen und Internet präsentierte, reduziert er die Ausgaben für Online auf ein Minimum. Bellens erklärte, die RTL-Gruppe werden 2001 - europaweit - nur noch 60 Mill. Euro für Online und 9 Mill. Euro für Breitband ausgeben. "Obwohl in der Vergangenheit viele Marktteilnehmer ihre Zweifel hatten, ob man mit einer solch geringen Summe im Online-Geschäft mitspielen kann, glaube ich, dieser Betrag ist ausreichend."

Der Kurs der RTL-Group pendelte am Donnerstag an der Brüsseler Börse - dem wichtigsten Handelsplatz des Luxemburger Konzerns - um 56 Euro. Damit erreichte das Wertpapier fast sein Jahrestief. Noch im Februar lag die RTL-Group-Aktie bei rund 100 Euro.

Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa
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