Archiv
Ausgebrannter Mayer: «Ich bin traurig, aber stolz»DPA-Datum: 2004-07-01 14:00:41

London (dpa) - Die Tränen flossen diesmal nicht aus Freude. Florian Mayer schlug die Hände vors Gesicht und schnappte sich das erstbeste Handtuch. Niemand sollte sehen, wie sehr er sich über die verpasste Sensation in Wimbledon ärgerte.

London (dpa) - Die Tränen flossen diesmal nicht aus Freude. Florian Mayer schlug die Hände vors Gesicht und schnappte sich das erstbeste Handtuch. Niemand sollte sehen, wie sehr er sich über die verpasste Sensation in Wimbledon ärgerte.

«Ich hatte meine Chancen, aber ich habe sie vertan», sagte der Debütant aus Bayreuth, der trotz des glatten Scheiterns im Viertelfinale der All England Championships Großes geleistet hat. «Ich bin unheimlich traurig, aber auch sehr stolz auf mich», durfte er deshalb nach dem 5:7, 4:6, 2:6 gegen den erfahrenen Franzosen Sebastien Grosjean mit Fug und Recht sagen. «Es war trotz allem ein wunderbares Tennisturnier für mich.»

Als er mit hängenden Schultern den kleinen Center Court verließ, kündigten dicke schwarze Wolken neuerlichen Regen an und tauchten den «Heiligen Rasen» früher als sonst ins Dunkel der Nacht. Doch der 20-Jährige erkannte die Gunst der Stunde im jugendlichen Überschwang nicht. Statt sich in die Dämmerung zu retten und auf einen besseren Neubeginn am Morgen danach zu vertrauen, hastete er in 110 Minuten durch die Partie. «Ich mag es nicht, mir so viel Zeit zu nehmen», erklärte er die Eile beim Aufschlag und zwischen den Ballwechseln.

«Diesen Fehler macht er nicht noch einmal», sagte Bundestrainer Patrik Kühnen. «Das ist nicht seine Art. Florian mag es überhaupt nicht, Fehler ein zweites Mal zu begehen», erzählte Erfolgscoach Ulf Fischer. Das Halbfinale gegen den Schweizer Roger Federer, der auf seinem Weg zur Titelverteidigung übermächtig auftrumpft, hat er zwar verpasst. Doch Sorgen muss sich nach der erduldeten Lehrstunde keiner um den Oberfranken machen, der die Herzen der Fans erobert hat und in den Notizbüchern der Experten von nun an dick angestrichen ist.

«Sein Ehrgeiz ist nicht selbstzerstörerisch, sondern produktiv.» Das ist der Hauptgrund, warum Fischer an eine «spannende Karriere» des «guten Jungen» glaubt. Nach den lehrreichen Australian und French Open «hat Florian das Vertrauen in die eigene Stärke gewonnen und ruht völlig in sich. Er weiß, dass er ganz vorne mitspielen kann.»

Einen Riesensatz von weit über 200 Plätzen hat Florian Mayer seit Anfang des Jahres in der Weltrangliste gemacht. In der nächste Ausgabe des Champions Race wird er auf Position 36 in Schwindel erregender Höhe angekommen sein und damit einer der drei besten deutschen Tennisprofis neben Rainer Schüttler und Nicolas Kiefer sein. Ein Thomas Haas kann dem Senkrechterstarter momentan nicht das Wasser reichen. Seine mittelfristigen Ziele hat er erreicht. Aber die Gefahr, sich «auf irgendwelchen Lorbeeren» auszuruhen, kennt er nicht: «Ich bin noch ganz schön hungrig.»

Gegen Grosjean reichte der Erfolgs-Hunger nicht aus. Die quälende Warterei im regnerischen London hatte ihn zusätzlich genervt und den an zwei Wochen Grand-Slam-Stress noch nicht gewöhnten Körper ausgelaugt. Außerdem lagen die Nerven beim ersten Auftritt vor großem Publikum in der geschichtsträchtigen Arena blank, auch wenn er es nicht recht zugeben mochte. «Ich war mit meinen Gedanken nicht voll beim Match», lautete seine Umschreibung.

Unerschrocken und frech hatte er in den beiden ersten Sätzen jeweils ein Break geschafft. Als er den Vorsprung aber beide Male nicht halten konnte, ergab er sich seinem Schicksal. Sich mit Mätzchen in die Warteschleife flüchten, wollte er nicht. «Das wäre unsportlich gewesen. Und das ist nicht meine Art.» Die gestiegenen Ansprüche werden ihn nun bei jedem Turnier verfolgen. «In Gstaad oder in Stuttgart die gleichen Taten von mir zu erwarten, wäre aber vermessen», bremst Mayer sich und seine neuen Fans. Der frische Erfolg, der ihm 118 000 Euro einbrachte, hat seinen Preis.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%