Ausgründungen machen geistiges Eigentum noch rentabler
Out-Venturing - Die Saat für Start-ups

Wohin mit den Technologien, die durchaus Marktpotenzial bergen, ad hoc aber keinen Umsatz generieren? Die Frage drängt, wenn sie weiterer Finanzierung bedürfen? Das Zauberwort heißt: Ausgründen.

DÜSSELDORF. Meist ist das Schicksal ungenutzter Geistesblitze vorgezeichnet: Sie verschwinden auf Nimmerwiedersehen in Schubladen. Doch damit werden gigantische Werte vernichtet. Laut einer Studie der VC-Gesellschaft 3i werden nur 8 % der in Unternehmen entwickelten Technologien in kommerzielle Produkte umgesetzt. Berater von McKinsey gehen davon aus, dass Firmen bis zu 10 % ihres operativen Einkommens allein aus dem Verkauf oder der Lizenzierung ihres geistigen Eigentums bestreiten könnten.

Patentchampion Siemens hat das Potenzial erkannt und im Frühjahr 2001 die Geschäftseinheit Siemens Technology Accelerator (STA) gegründet. "Unser Fokus heißt Unternehmensgründungen", beschreibt CEO Thomas Lackner den klar formulierten STA-Auftrag. "Wir setzen auf nicht fassbaren Technologien auf, die nicht mehr im Kernbereich von Siemens liegen."

Vier Babies kann Lackners siebenköpfige Mannschaft bereits präsentieren: Die Enocean GmbH in Unterhaching, an der sich im Februar 2002 auch die VC-Gesellschaft Wellington Partners beteiligte. Dann die im September gemeinsam mit dem englischen Technologie Generics Group-Inkubator gegründete Sphere Medical Ltd. in Cambridge und die Optimize GmbH in Karlsruhe. Außerdem noch eine Beteiligung an der Sympalog AG in Erlangen, bei der nunmehr eine von Siemens entwickelte Sprachsoftware eingesetzt wird. Weitere sechs "Themen" sind bereits im engeren Fokus.

Eine leichte oder gar schnelle Geburt sind Ausgründungen selten. Eine vergleichsweise gute Ausgangsposition hatte Enocean, das auf Basis eines speziellen Energiewandlers aus Piezo-Keramik ab 2003 batterie- und drahtlose Funkschalter auf den Markt bringen will. "Wir hatten 15 Patente. Und zwei der vier Know-how Träger waren nach Gesprächen bereit, ein Unternehmen zu gründen", so Lackner. Die Einbindung und Beteiligung der Erfinder selbst ist auch bei der Suche nach Investoren wichtig. "Je mehr Erfahrung da ist, desto höher ist der Wert des Unternehmens anzusetzen", weiß Frank Küber, Senior Consultant bei Generics.

Trotzdem waren langwierige Verhandlungen nötig. Denn leichten Herzens trennt sich keine Abteilung von seinen patentierten Edelsteinen. Auf erste Anfragen erntet Lackner meist ein kategorisches 'Nein'. "Die Business Units haben primär kein Interesse, Patente rauszugeben. Ich muss aufzeigen, wo die Unit von dem Start-up profitieren kann." Etwa, dass es durchaus im Interesse des Siemens-Medizintechnikbereichs ist, wenn Sphere Medical eine Chiptechnologie auf den Markt bringt, mit dessen Hilfe sich die auf Intensivstationen notwendige Messung der Blutgaswerte auf den Siemens-Monitoren darstellen lässt.

Solche Geschäftskonzepte zu entwickeln und sie zur richtigen Zeit am richtigen Ort richtig zu kommunizieren, braucht Zeit. "Wir versuchen so lange wie möglich ohne Gesellschaft auszukommen", so Lackner. In der Regel vergehen rund neun Monate von der ersten Evaluierung bis zur tatsächlichen Gründung des Unternehmens, in das die Gründer auch Eigenkapital einbringen müssen. In dieser Zeit wird sicher gestellt, dass die neue Firma rechtlich und finanziell solide abgesichert an den Start gehen kann, dass Vorverträge in Verträge umgewandelt wurden. Patente werden erst dann übertragen, wenn die VC-Finanzierung steht, wobei Lackners Devise hier heißt: "Ich versuche immer zu erreichen, dass nur die Nutzungsrechte bei Siemens bleiben, das Start-up aber die Verwertungsrechte erhält. Sonst ist es nicht lebensfähig." Die Profitabilitäts-Brille legt der Siemens-Manager dabei nicht ab. "Wir überlegen schon, was mehr bringt: ein Start-up oder ein Lizenzaustausch", stellt Lackner klar.

Als hauptberuflicher Screener eines firmeneigenen Patent-Portfolios genießt Lackner bislang einen Exoten-Status. Institutionalisierte Out-Venturing-Einheiten sucht man in deutschen Technik-Konzernen meist vergebens. Warum die Gründungs-Note im Verwertungsdreiklang aus verkaufen, lizenzieren und ausgründen bislang nur selten gespielt wird, hat für Out-Venturing Experten Küber hausgemachte Ursachen. So liege der Fokus bei der Patentverwertung vor allem darauf, die Produkte zu schützen, die verkauft werden sollen. Und es fehlen die Ressourcen für eine strukturierte Herangehensweise. "Um ein Patent vernünftig zu verwerten, brauchen sie nicht nur die juristische Erfassung und Beurteilung. Wichtiger ist es, die technische Expertise vorzuhalten. Sie brauchen einen Querschnitt an technischem Know-how, um ein Patent mit unterschiedlichen Brillen lesen zu können." Daran werde in Großbetrieben gearbeitet, etwa bei Bosch. "Es wird zusehends erkannt, dass immaterielle Werte auch realisiert werden müssen. Beim Out-Venturing steht uns eine Boomphase noch bevor."

H. PAULUS/sta

Quelle: VDI Nachrichten vom 13.12.2002

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%