Ausländische Arbeitnehmer haben es schwer
Die neuen Fenster zur Welt

Viele der Einwanderer in New York befinden sich nach den Terroranschlägen in New York fast zwei Jahre später immer noch pychologischer Behandlung. Jetzt wollen die Kellner und Köche des zerstörten Lokals im World Trade Center gemeinsam ein Top-Restaurant eröffnen

NEW YORK. Dies ist jetzt schon das zweite Mal, dass ich wegen dieser muslimischen Fanatiker meine Stelle verloren habe", klagt Ataur Rahman. Mit 21 flieht er vor Extremisten, die seinen damaligen Arbeitgeber bedrohen und später vernichten, aus seiner Heimat Bangladesch. 1976 heuert er im Restaurant des World Trade Centers an. Jetzt haben sie ihn am anderen Ende der Welt wieder eingeholt. "Diese Leute haben meinen Seelenfrieden auf dem Gewissen und alles, was ich mir bis dahin erarbeitet hatte", stöhnt der müde aussehende Mann mit dem imposanten Schnurrbart und reibt sich dabei die hohe Stirn.

Seine Freunde und Ex-Kollegen, die sich mit ihm an diesem regnerischen Vormittag im angesagten New Yorker Künstlerviertel Tribeca treffen, nicken mitfühlend. Ihre Gesichter erzählen von fünf Kontinenten, ihre Hautschattierungen schimmern in nahezu allen Farben des Regenbogens, doch ihre Geschichten ähneln sich ab einem gewissen Punkt: Der viel besungene amerikanische Traum begann für sie alle als Tellerwäscher oder Hilfskellner im Restaurant mit der damals besten Aussicht Manhattans, dem "Windows on the World" auf der obersten Etage des World Trade Centers. Am 11. September wurde daraus ein Albtraum.

Heute, knapp zwei Jahre später, sind viele unter ihnen noch immer in psychologischer Behandlung und müssen täglich gegen die lähmende Erinnerung kämpfen. Eine neue Arbeitsstelle haben nur die wenigsten gefunden. Die New Yorker Restaurantszene mit ihren 20 000 Gaststätten hat seit den Anschlägen extrem gelitten, mehr als zehntausend Kellner, Köche und Serviererinnen haben ihren Job verloren. Doch plötzlich war unter den früheren Windows-Kollegen eine nahezu sensationelle Idee da: Wieso machen wir nicht ein eigenes Restaurant auf?

Unterstützung fanden sie bei der jungen New Yorker Anwältin Saru Jayaraman, Yale- und Harvard-Absolventin und selbst Tochter indischer Einwanderer. Eine Frau, die keinen Schlaf zu brauchen scheint: Schon im Grundstudium zählt sie zu den drei besten Studenten der gesamten USA. Mit 27 ist sie bereits Uniprofessorin an einem New Yorker College, und vom früheren Präsidenten Bill Clinton wird sie sogar persönlich empfangen. Fast nebenbei gründet sie Selbsthilfegruppen für Einwanderer, darunter im vergangenen April das "Restaurant Opportunities Center of New York" (ROC-NY), eine Organisation, die vor allem ausländische Restaurantangestellte unterstützt.

Gemeinsam mit Saru Jayaraman beginnen die alten und neuen Kollegen zu planen. Und da sie ihre zukünftige Arbeitsstelle ohnehin komplett aus den Trümmern neu erschaffen müssen, wollen sie gleich den ganzen Weg gehen und sich mit nichts Geringerem begnügen als "der besten aller möglichen Restaurantwelten", erzählt Utjok Zaidan.

"Die großen Unternehmen der Branche weigern sich immer noch, ihre Angestellten als Partner zu sehen, und vor allem ausländische Arbeitnehmer haben es schwer", sagt der Indonesier, 54, mit dem freundlichen Mondgesicht, der sich in seinen 27 Berufsjahren im World Trade Center bis zum Bereichsleiter hochgearbeitet hatte. "Das alles wollen wir ändern. Und deshalb haben wir beschlossen, eine Kooperative zu gründen", eine Art Genossenschaft.

Das ehrgeizige Rezept: Man nehme etwa 50 Leute aus 25 Ländern und mische sie in einem großen Schmelztiegel zu einer Einheit zusammen, dass sie gleichzeitig Besitzer und Angestellte der neuen Gaststätte sind. "So etwas gibt es in den Staaten kein zweites Mal", glaubt Saru Jayaraman, "dass ein Restaurant komplett von einer Genossenschaft aufgebaut wird." Dass jetzt aber auch besonders viele Köche in einem Brei rühren wollen, hält sie für einen weiteren Pluspunkt: "Wir sind uns natürlich bewusst, dass dieses Projekt ein großes Risiko ist. Aber zusammengenommen haben wir immerhin mehr als 300 Jahre Erfahrung in dieser Branche."

Den ersten abrupten Weckruf haben die Träumer bereits hinter sich. Bevor die ersten potenziellen Investoren angesprochen wurden, gab ROCNY bei einem Beratungsunternehmen eine Machbarkeitsstudie in Auftrag. Kostenpunkt: 30 000 Dollar. "Das war ein ganz schöner Schlag", erinnert sich einer der Youngster der Gruppe, Shariar Uddin. "Wir saßen im ROC-Konferenzraum und haben uns verzweifelt den Kopf zerbrochen, wo wir so viel Geld herbekommen können. Aber wir haben es geschafft, und das war eine echte Feuerprobe."

Dafür stellte die Truppe einiges auf die Beine. Neben Spenden von wohltätigen Vereinen hielt sich ROC mit Catering-Aufträgen am Leben und erwirtschaftete in weniger als einem Jahr das nötige Geld. Für das kommende Frühjahr ist noch eine echte Neuheit geplant: eine große Veranstaltung mit Hollywood-Berühmtheiten wie Schauspieler Tim Robbins und den angesagtesten Edelköchen der Stadt wie Don Pintabona, der in einem Restaurant kocht, das Robert DeNiro gehört.

Insgesamt müssen rund 3,5 Millionen Dollar Startkapital zusammenkommen für das neue, bislang noch namenlose Lokal. Die ersten Baupläne sind schon entworfen, der Geschäftsplan steht in Grundzügen, und an der Finanzierung wird hart gearbeitet: Zurzeit verhandelt Saru Jayaraman mit verschiedenen Banken - laut Presseberichten sind JP Morgan Chase und die Ford Foundation im Gespräch, die jeweils eine Million Dollar investieren sollen.

Anderes ist schon entschieden: Das neue Restaurant wird keinen erstklassigen Panoramablick bieten wie jenen aus den riesigen Fenstern des alten "Windows on the World". Die angepeilten Standorte liegen alle in unteren Etagen. Und mit 200 Sitzplätzen wird das neue Lokal kleiner ausfallen. Unverändert bleibt dagegen die Idee, in gediegenem Ambiente ein ebenso stilvolles wie kostspieliges Menü zu servieren

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Während Jayaraman ein ums andere Mal mit einem Teil der ROC-Entourage durch die Stadt zieht, mögliche Standorte in der Nähe von Ground Zero besichtigt und mit möglichen Investoren spricht, diskutieren die restlichen Restaurantbesitzer in spe ausgiebig die Speisekarte. Die soll vor allem die anspruchsvollen New Yorker Dinnergäste zufrieden stellen, denn "bloß aus Mitleid soll keiner zu uns kommen", sagt Utjok Zaidan. Deshalb wollen sie nur die feinsten Speisen aus ihren Heimatländern auftischen: Indisches Tandoori-Hühnchen, Shrimps in Kokosnuss und Spinatcreme, asiatische Reisteller, afrikanische Desserts.

Doch es stellen sich auch noch andere, schwieriger zu beantwortende Fragen: Was wird, wenn die Zusammenarbeit nicht klappt? Wenn die Arbeit ungleich verteilt wird? Oder wenn es einmal Streit gibt? Auch das Ergebnis der Machbarkeitsstudie war nicht eben hoffnungsvoll: In der derzeit wirtschaftlichen Situation, so die Berater, sei ein derartiges Genossenschaftsrestaurant ein schwieriges, wahrscheinlich sogar ein undurchführbares Projekt."

Doch der Gedanke an ihre gemeinsame Vergangenheit zündet bei allen Beteiligten einen schier unerschöpflichen Enthusiasmus. "Wir sind die stärksten Leute, denn wir haben auf der hundertsiebten Etage gearbeitet und uns nie gefürchtet", sagt Ataur Rahman lächelnd. Und Shariar Uddin stimmt ihm zu: "Wir haben schon so viel zusammen durchgestanden - dagegen sind diese Pläne fast eine Kleinigkeit."

Quelle: Handelsblatt

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