Ausländische Journalisten besuchen zerstörtes Dorf
Taliban und USA liefern sich Medienkrieg

Rund eine Woche nach Beginn der US-Luftangriffe in Afghanistan hat das Pentagon erstmals einen Fehlschlag mit zivilen Opfern eingeräumt. Dennoch zog Präsident George W. Bush eine erfolgreiche Bilanz des Feldzuges.

HB WASHINGTON/KABUL. Trotz sich häufender Meldungen über zivile Opfer und neuer Drohungen der Terrororganisation El Kaida verstärken die USA ihre Angriffe auf Afghanistan in der zweiten Wochen ihres Feldzuges mit unverminderter Härte fort. Die USA griffen am Sonntag erneut Ziele in Afghanistan an, darunter die Hauptstadt Kabul, die Taliban-Hochburg Kandahar und Dschalalabad im Osten des Landes.

Während die USA mit Satellitenaufnahmen die Zielgenauigkeit ihrer Angriffe öffentlich unter Beweis zu stellen versuchen, kontern El Kaida und das Taliban-Regime durch aktive Informationspolitik. Per Video meldete sich El-Kaida-Sprecher Sulaiman Abu Ghaith erneut über den katarischen Sender El Dschasira zu Wort und drohte mit weiteren Flugzeugattentaten. Zudem versicherte er, die Taliban hätten bei ihrem Kampf gegen die USA nun die volle Unterstützung der El Kaida. Moslems empfahl er, nicht mehr zu fliegen und nicht mehr in hohen Türmen zu leben. Der Sturm werde sich nicht legen, solange die USA und Großbritannien ihrer Unterstützung der "Juden in Palästina" nicht ein Ende machten. Die US-Regierung bezeichnete die Drohungen als "bloße Propaganda".

Die Erklärung der El Kaida im Wortlaut

Auch Taliban-Chef Mullah Mohammed Omar lehnte erneut eine Auslieferung bin Ladens ab. Amerika - wie zuvor die Sowjetunion - werde in Afghanistan eine Niederlage erleben, betonte er nach Angaben der in Pakistan ansässigen afghanischen Nachrichtenagentur AIP.

Am Samstag ließen die Taliban erstmals eine Gruppe internationaler Journalisten ins Land. Sie führten sie in das bei Dschalalabad gelegene Dorf Chorum. Dort sollen bei Angriffen am Mittwoch bis zu 200 Menschen getötet worden sein. Die Medienvertreter wurden von aufgebrachten Dorfbewohnern begrüßt, die berichteten, bis zu 50 Häuser seien bei den Angriffen zerstört worden. Die Taliban gaben an, 160 Leichen aus dem Dorf geborgen zu haben. Reporter berichteten, es seien Dutzende schwer beschädigter Häuser zu sehen. Die Opferzahlen seien jedoch nicht zu verifizieren. Die USA nahmen dazu bisher nicht Stellung. Nach nicht zu überprüfenden Schätzungen der Taliban kamen seit Beginn der Angriffe vor einer Woche insgesamt mehr als 300 Menschen, überwiegend Zivilisten, ums Leben.

Allerdings räumte das US-Verteidigungsministeriums erstmals zivile Opfer ein. Am Samstag sei versehentlich ein Wohngebiet nahe dem Flughafen der Hauptstadt Kabul getroffen worden. Es war dem Pentagon zufolge mindestens der dritte Fehltreffer bei den Angriffen.

Bush: Ziele erreicht

In der ersten Phase der Angriffe auf Afghanistan haben die USA nach Einschätzung von Präsident George W. Bush ihre Ziele erreicht, den Gegner in wichtigen Bereichen zu schwächen. In den kommenden Wochen will das Pentagon nach einem Bericht der "Washington Post" mit einer Serie verdeckter Aktionen durch Spezialeinheiten, Bombardements und Hubschraubereinsätzen den Druck verstärken. Zielscheibe werde besonders die 55. Brigade sein, eine erprobte Kampftruppe aus mehreren tausend Arabern und anderen Ausländern, die als Hauptstütze des Regimes gelte.

"Wir haben das Netzwerk der Terroristen innerhalb Afghanistans auseinander gerissen", sagte Bush am Samstag in seiner wöchentlichen Radioansprache. "Wir haben die Taliban militärisch geschwächt, und wir haben die Luftabwehr der Taliban gelähmt.

Die britische Zeitung "Sunday Mirror" zitierte den 18-jährigen Sohn Bin Ladens mit den Worten, sein Vater halte sich mit 300 Mann in den Bergen Afghanistans versteckt. "Die USA und Großbritannien werden meinen Vater niemals aufspüren", sagte bin Ladens Sohn, Abdullah, in Pakistan.

Furcht vor Unruhen in islamischer Welt wächst

Angesichts der anhaltenden Angriffe auf Afghanistan wächst die Furcht vor schweren anti-amerikanischen Unruhen in der islamischen Welt. Der ägyptische Präsident Hosni Mubarak warnte die USA davor, arabische Länder anzugreifen. Dafür gebe es keinen ersichtlichen Grund, da kein arabischer Staat Terroristen unterstütze.

Bei heftigen Zusammenstößen zwischen radikalen Moslems und der Polizei wurden in Süd-Pakistan am Sonntag mindestens zwei Menschen getötet und 20 durch Schüsse verletzt. Das teilten Behörden und Krankenhausärzte mit. Anti-amerikanische Demonstrationen in Ägypten, Indien und in der Türkei verliefen dagegen gewaltlos.

Bei Ausschreitungen nach anti-amerikanischen Demonstrationen in der nordnigerianischen Stadt Kano sind mindestens 16 Menschen getötet worden. Nach unbestätigten Berichten vom Sonntag, die sich auf Augenzeugen berufen, sollen gar etwa 200 Menschen ums Leben gekommen sein. In Nigeria ist es in der Vergangenheit immer wieder zu Zusammenstößen zwischen Moslems und Christen gekommen.

In mehreren europäischen Ländern hatten zahlreiche Kriegsgegner bereits am Samstag gegen die amerikanischen Luftangriffe auf Ziele in Afghanistan demonstriert. In London gingen etwa 20 000, in Berlin und Stuttgart zusammen 25 000 Menschen auf die Straße. Auch in Schweden, Italien und der Schweiz gab es am siebten Tag der US-Militärschläge Protestkundgebungen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%