Auslandsaufenhalte rechtzeitig planen
Grenzen überwinden

Wer seine Mitarbeiter ins Ausland entsendet, muss vorher viele Fragen beantworten. Große Unternehmen bereiten ihre Expatriates mit Spezialisten der Personalabteilungen auf den Auslandsaufenthalt vor.

DÜSSELDORF. Hartmut Hilbig kennt die Fragen. Schon oft hat er sie mit ruhiger Stimme beantwortet und so dem einen oder anderen Mitarbeiter das Reisefieber genommen. Wie steht es um die Sozialversicherung während eines längeren Auslandsaufenthaltes? Was passiert bei Arbeitslosigkeit? Wer bezahlt die Zahnbehandlung in den USA?

Hilbig betreut im International Delegation Center der Siemens AG zusammen mit knapp 80 Personalern über 4000 so genannte Expatriates. Solche Spezialabteilungen sind bei großen Unternehmen heutzutage durchaus üblich. Denn wer seine Mitarbeiter auf internationalem Boden agieren lassen möchte, muss viele Fragen klären.

"Besonders die Frage, wie die Mitarbeiter weiter in Deutschland versichert bleiben können, wird auch von erfahrenen Personalern unterschätzt", sagt Ulrich Buschermöhle von der Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers (PWC). Verschiedenste Faktoren haben darauf Einfluss: Wer zahlt das Gehalt? Wer erteilt Anweisungen? Bleiben die Mitarbeiter in der Gesellschaft des Heimatstaates eingegliedert? Machen sie ihre Lohn- und Gehaltskosten im In- oder Ausland als Betriebsausgabe geltend?

Wenig Probleme gibt es bei den 17 Staaten, mit denen Deutschland ein Abkommen über die soziale Sicherheit abgeschlossen hat. Sie gestatten den Verbleib im deutschen Sozialsystem - wenn es sich um eine so genannte Entsendung handelt. Dafür muss der Arbeitsvertrag befristet sein - bei unbefristeten Verträgen greifen die ausländischen Rechtsvorschriften für die Versicherungspflicht. Der Vertrag muss außerdem mit einem deutschen Unternehmen geschlossen sein und die Tätigkeit muss eindeutig dem deutschen Arbeitgeber zugute kommen.

All diese Fragen zu klären, kostet eine Menge Zeit. Ein halbes Jahr Vorbereitungs hält Buschermöhle für angemessen. Die Abwicklung sollte in der Hand der Personalabteilung liegen - sonst kann es sein, dass die Entsendung ihren Sinn verliert: "Ohne die gute Vorbereitung durch das Unternehmen wäre ich wohl nie zum Arbeiten gekommen", sagt Just Schürmann, Senior-Projektleiter der Boston Consulting Group, der zwei Jahre für das Unternehmen in Spanien gearbeitet hat.

Auch wer im deutschen Sozialversicherungssystem bleibt, hat damit noch lange nicht alle Fragen geklärt. Da wäre zum Beispiel die Krankenversicherung. Hier ist es ratsam, einen zusätzlichen Auslands-Krankenversicherungsschutz zu prüfen. Denn selbst wenn die Expatriates in einer deutschen Krankenkasse bleiben, kommen die Kassen nur für den hierzulande üblichen Kostensatz auf. Und wer garantiert, dass eine Blinddarmoperation in den USA das Gleiche kostet wie in einem deutschen Krankenhaus? Eine Zusatz-Auslandskrankenversicherung ist deshalb ratsam. Wer sich vor Ort versichern will, sollte die Leistungen der meist privaten Anbieter genau unter die Lupe nehmen. Eventuell werden durch die ausländische Versicherung bestimmte Leistungen nicht abgedeckt, die hierzulande als selbstverständlich gelten.

Wer erwägt, für die Dauer des Auslandsaufenthaltes die heimische Krankenversicherung zu kündigen, sollte diesen Gedanken schnell wieder beiseite schieben. Buschermöhle: "Das führt sonst zu unliebsamen Überraschungen!" Denn wer nach seiner Rückkehr nicht unmittelbar wieder eine Beschäftigung aufnehmen kann - zum Beispiel wegen Berufsunfähigkeit -, kann sich unter Umständen bei der gesetzlichen Krankenkasse nicht mehr eigenständig versichern und muss dann einen neuen Vertrag bei einer meist teureren privaten Versicherung abschließen. Empfehlenswert ist daher eine Anwartschaftversicherung ohne Leistungsanspruch. In diesem Fall bleibt die alte Versicherung bestehen, die Beiträge sinken auf ein Minimum. Mit der Rückkehr nach Deutschland lebt das ruhende Versicherungsverhältnis unverändert wieder auf. Das gleiche Prinzip gilt übrigens für die Pflegeversicherung.

Problematisch ist die Frage der Rentenversicherung. Bei Abkommen-Staaten ist zwar grundsätzlich auch die Zahlung der Rentenversicherung geregelt, doch bei Nicht-Abkommen-Staaten besteht die Gefahr, zu viele Beiträge zu zahlen. Selbst wenn der Arbeitnehmer in der deutschen Rentenversicherung bleibt, kann es sein, dass er gleichzeitig Beiträge vor Ort bezahlen muss, die er eventuell nie wiedersieht. "Einige Länder sehen im Rentenfall die Zahlung von Leistungen in das Ausland nicht vor oder sie werden sehr stark gekürzt", erklärt Buschermöhle.

Auch das Thema Arbeitslosenversicherung ist in Ländern ohne Abkommen problematisch - Arbeitnehmer sind dort nicht mehr versichert. Es ist üblich, dies durch zusätzliches Gehalt auszugleichen. Gleichzeitig kann der eigene Arbeitsplatz durch einen Zweitvertrag gesichert werden: Während zum Beispiel Schürmann in Spanien war, ruhte sein Arbeitsvertrag. Für die Zeit im Ausland gab es einen zweiten Vertrag - sein alter Vertrag lebte nach der Rückkehr wieder auf. Auch Hilbig setzt auf diese Methode: "Wir vereinbaren solch ein Rumpfarbeitsverhältnis mit unseren Long Term Delegates."

Ist die Frage der Versicherung endlich geklärt, stehen noch die alltäglichen Dinge an: das Dach über dem Kopf, die Renovierung der alten Wohnung, Umzug, Lagerung, ein Mietwagen, eventuell eine neue Einrichtung. Auch die Familie gehört dazu. Andersen Consulting beispielsweise übernimmt das Schulgeld für die Kinder.

Die Aufgaben die nun noch im Raum stehen, betreffen die Gepflogenheiten des Gastlandes: Wie verhalte ich mich als Führungskraft im asiatischen Raum? Wie gehe ich mit Lieferproblemen in Brasilien um? Unternehmen bieten dafür Leitfäden oder Seminare an. DaimlerChrysler drückt seinen Expatriats zum Beispiel vor der Abreise das Info-Paket ?Going global? in die Hand. Auch an Sprachkurse für die Mitarbeiter sollte die Personalabteilung denken.

In die Planungen und Vorbereitungen sollte der Mitarbeiter möglichst früh einbezogen werden, denn viele Entscheidungen können nur von ihm selbst getroffen werden. Gleichzeitig gilt es jedoch, ihm den Aufenthalt so unkompliziert wie möglich zu gestalten. Schließlich hat er einen Job zu erledigen und soll seine Zeit nicht mit Organisation und Sozialversicherungsangelegenheiten verbringen - es sei denn, dies ist sein Beruf.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%