Ausschreitungen auf Jersey
Britische Yellow Press schäumt

Auf der Suche nach dem Sündenbock für die Niederlage im Viertelfinalkrimi gegen Portugal hat die Boulevardpresse in England ihr Opfer gefunden. Nicht auf "Elfmeter-Töter" David Beckham schießen sich die Medien ein, sondern auf Schiedsrichter Urs Meier - und das gar nicht auf die feine englische Art.

HB LONDON. "What an Urs Hole" (Welch ein Arschloch) und "Cheated by an Urs hole" (Betrogen von einem Arschloch), schreibt der "Daily Star" in einem Wortspiel mit dem Vornamen des Schweizers. Selbst die seriösen Blätter machen den Eidgenossen zum Sündenbock, weil er beim Elfmeter- K.o. gegen Portugal in der 90. Minute ein Tor von Sol Campbell nicht anerkannt hatte. "Schlecht bedient von Krämer aus der Schweiz", überschreibt der angesehene "Guardian" seinen Bericht aus Lissabon.

Quer durch die Yellow Press zog sich der Tenor, dass England "beraubt" ("Daily Mirror") worden war, und zwar "vom Schiedsrichter", ("Daily Express"). Die "Sun" bezeichnete Meier als "Schiedsrichter- Halbidioten" und klagte "England stürzt aus Euro 2004, dank des schummelnden Refs Urs Meier." Auslöser für Hass und Wut der Boulevardblätter war Meiers Entscheidung, Campbells Treffer in der letzten Minute der regulären Spielzeit wegen eines Fouls seines Teamkollegen John Terry gegen den portugiesischen Torhüter Ricardo nicht anzuerkennen. Ironischerweise präsentierte der "Daily Star" zu seiner beleidigenden Schlagzeile gegen Meier ein Foto, dass Terrys Attacke im Fünfmeter-Raum belegt.

Für die nächsten Jahre wäre Urs Meier jedenfalls gut beraten, sich nicht in England blicken zu lassen, denn er "wird immer als Ungeheuer betrachtet, wenn er hier ankommt", wie der "Daily Mirror" warnte. Dabei herrschte in der Nacht zum Freitag weitgehend Ruhe. Der Verkehr auf den Straßen lief in den frühen Morgenstunden reibunsgloser ab als sonst, in Zügen und Londons U-Bahn waren plötzlich Sitzplätze zu finden, während sonst die Pendler gequetscht wie Sardinen in der Dose nur stehen können. Viele Fans hatten schon vorher den Freitag freigenommen - allerdings in Erwartung, sich von einer Siegesfeier erholen können.

Von Ausnahmen abgesehen kam es nicht zu Ausschreitungen. Im ostenglischen Norfolk belagerten Hooligans einen von Portugiesen geführten Pub. Mehrere Polizisten wurden verletzt und sieben Randalierer festgenommen. Auf der britischen Kanalinsel Jersey setzte die Polizei Tränengas gegen etwa 1 500 Krawallmacher ein. Der Zorn der enttäuschten Anhänger hatte sich sich gegen die portugiesische Minderheit auf der Insel gerichtet. Etwa zehn Prozent der Bevölkerung stammen von Einwanderern aus Madeira ab. Viele Einwohner Jerseys halten bei Fußball-Turnieren zu England. Als weitgehend autonomes Gebiet untersteht die Insel der britischen Krone.

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