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Sorgenvolle Blicke aus dem Norden

Für die dänische Regierung kann die Bundestagswahl nicht schnell genug kommen, denn während des Wahlkampfs in Deutschland bleibt die Uhr der EU-Präsidentschaft stehen. Und das, obwohl Ministerpräsident Rasmussen die feste Absicht hat, die Osterweiterung noch auf dem Kopenhagener Gipfel unter Dach und Fach zu bringen.

Hinzu kommt: Deutsche Politiker lassen sich üblicherweise mit Koalitionsverhandlungen Zeit. Rasmussens Zeitplan ist deshalb sehr, sehr eng. In Kopenhagen hat man zudem bemerkt, dass weder Schröder noch Stoiber Europäer der guten alten Sorte wie Adenauer, Brandt, Schmidt und Kohl sind.

Schröder hat mehrmals vorgeführt, dass für ihn deutsche Interessen vor gemeinsamen europäischen Lösungen kommen. Stoiber wird besonders in der wichtigen Osterweiterung für weniger berechenbar gehalten. Alle dänischen Medien betonen, dass Frau Stoiber aus einer sudentendeutschen Vertriebenenfamilie stammt.

Die Regierung in Kopenhagen setzt deshalb auf ein eindeutiges Wahlresultat am 22. September und schnelle Koalitionsverhandlungen.

Natürlich sähe Rasmussens gerne eine bürgerliche Regierung in Berlin. Doch eine wichtige Ursache für die insgesamt leidenschaftslose Beobachtung des Bundestagswahlkampfes ist die Abwesenheit von charismatischen rechtspopulistischen Parteien und Politikern. Über Jahrzehnte haben dänische Politiker aller Schattierungen neonazistische Parteien genau beobachtet. Und heute? Weder gibt es einen Jörg Haider, noch einen Pim Fortuyn oder eine Pia Kjærsgaard in Deutschland.

Sorgenvolle Blicke aus dem Norden

Mit Sorge beobachten die Dänen dabei die deutsche Wirtschaft. Deutschland ist der größte und wichtigste Handelspartner und überall in der dänischen Industrie, bei Gewerkschaften und Politikern hofft man, dass es beim Nachbarn endlich wieder bergauf geht. Dabeiist es Dänemark gelungen, sich teilweise von der deutschen Stagnation abzusetzen. Unser Wachstum ist höher, die Arbeitslosigkeit niedriger und unser Finanzminister hat ein Plus von 2,2 Prozent im Staatshaushalt. Sogar die Geburtenrate ist im liberalen Dänemark höher als im katholischen Bayern. Dänische Analytiker sind sich übrigens einig, warum es kein Wachstum in Deutschland gibt. Erstens ist die Wiedervereinigung sehr viel teurer als gedacht und zweitens fehlen Strukturreformen, vor allem auf dem Arbeitsmarkt.

Was meine Wahlprognose angeht, bleibe ich bei einer Wette vom Dezember: SPD, Grüne und PDS werden eine Mehrheit gewinnen. Keiner in Kopenhagen würde dem Bundeskanzler übel nehmen, wenn er sich für eine Duldung seiner Regierung durch die PDS entscheiden sollte. Nur schnell muss es gehen.

Henrik Kaufholz ist stv. Ressortleiter Wirtschaft der dänischen Zeitung "Politiken" und war lange Jahre Deutschlandkorrespondent.

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