Aussicht auf EU-Beitritt beflügelt Aktien – Krieg im Irak könnte türkische Finanzmärkte kurzfristig belasten
Türkische Märkte – langfristig eine gute Wette

Chancen und Risiken liegen an den türkischen Finanzmärkten zurzeit dicht beieinander. Die Aussichten auf den baldigen Beginn der EU-Beitrittsverhandlungen sprechen Experten zufolge für steigende Aktienkurse. Kurzfristig könnte jedoch ein Krieg im Irak bei Anleihen und Aktien Rückschläge auslösen.

ATHEN/DÜSSELDORF. Das Bild der Türkei prägen zurzeit zwei gegenläufige Faktoren. Einerseits wachsen die Hoffnungen auf den baldigen Beginn der Beitrittsverhandlungen mit der Europäischen Union. Andererseits schwelt nach wie vor die Furcht vor einem Kriegsausbruch im Irak, der das Land stark belasten würde.

"Die Türken haben sich durchgesetzt", sagt Harwig Wild im Hinblick auf das Datum der Beitrittsverhandlungen zur EU. Wenn auf dem Kopenhagener Gipfel in Aussicht gestellt werde "ihr seid dabei" würde der Emerging Markets Experte von Metzler Financial Markets dies positiv für den türkischen Aktienmarkt sehen. Zudem sei zu erwarten, dass die Türkei wegen ihrer wichtigen geographischen Lage aus den USA weitere Unterstützung erhalten wird. Auch Markus Slevogt, Repräsentant der Deutschen Bank in Istanbul, meint, dass der Markt neuen Auftrieb erhalten wird, wenn die EU die Beitrittsperspektive konkretisiert. Doch fürs Erste "ist die Euphorie raus", sagt Slevogt. Nach der Hausse der türkischen Aktien sieht er nun erst mal eine Konsolidierungsphase. Nach der Parlamentswahl Anfang November legten die Aktienkurse um rund 50 % zu.

Insgesamt ist Slevogt für die nächsten sechs Monate dennoch positiv gestimmt. Aber was danach kommt, "bleibt abzuwarten". Zwar habe die neue Regierung mit ihrer stabilen Mehrheit im Parlament die Chance, Reformen zügig durchzusetzen. Die Finanzmärkte honorierten zudem, dass sich der neue Wirtschaftsminister Ali Babacan ausdrücklich zu den Grundlinien des mit dem IWF abgestimmten Sanierungsprogramms bekannte. Aber es bleiben Zweifel an den wahren Absichten der regierenden Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei, die im politischen Islam wurzelt. "Es kann auch sein, dass sie in die falsche Richtung marschieren", warnt Slevogt.

Positive Impulse für den Aktienmarkt erwartet vom EU-Gipfel auch Albert Kreskin, Analyst beim Istanbuler Brokerhaus Bender Securities. Das zu erwartende "deutliche Signal" an den Beitrittskandidaten Türkei werde zwar keine Rally, aber steigende Kurse auslösen. Die nach der Wahl eingekehrte Stabilität dürfte zudem für weiter fallende Zinsen sorgen, meint Kreskin. Er sieht das Zinsniveau türkischer Lira- Bonds bei 40 bis 45 %, entsprechend einem Realzins von bis zu 15 %.

Doch Vorsicht: Denn die türkische Lira hat seit dem tiefen Absturz während der Finanzkrise im Frühjahr 2001 deutlich zugelegt. Damals hatte die Lira in kurzer Zeit über 50 % des Außenwerts einbüßt. Laut Kreskin ist die Lira derzeit um "30 bis 35 %" überbewertet. Skeptisch bleibt auch Janis Hübner von der DZ Bank. Zwar habe sich "auf der Bonitätsseite einiges getan", doch seien die Renditen türkischer Anleihen deutlich zurückgegangen. Hübner weist neben den ungelösten Problemen im Bankenbereich auf die hohe Verschuldung des Landes hin; besonders die Finanzierungskosten belasteten. Nachdem die Rally der türkischen Eurobonds zunächst beendet scheint, rät er hier ungeachtet bestehender Chancen zum Verkauf.

Und über allem, so warnen die Experten einhellig, schwebt noch ein möglicher Irak-Krieg, der auch die gerade wieder anziehende türkische Konjunktur erneut beeinträchtigen könnte. Laut Metzler-Experte Wild hat der türkische Finanzmarkt "das Manko der geographischen Nähe zum Irak". "In einer ersten Reaktion" erwartet Wild, dass die Renditen der Bonds nach oben springen und die Aktien unter Druck geraten. Sollte sich aber eine kurze, begrenzte Auseinandersetzung abzeichnen, werde dies wie ein "turbo- booster" wirken. Doch sei an den Märkten bereits eine "gewisse Risikoprämie" eingepreist. Und sollte sich im Irak gar ein Regimewechsel abzeichnen, würden laut Wild türkischen Anleihen als Alternative interessant.

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa
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