Aussperrung kritischer Mitarbeiter
Gasprom übernimmt NTW im Handstreich

Nach der nächtlichen Übernahme des russischen Fernsehsenders NTW im Handstreich durch den Hauptaktionär Gasprom haben am Samstagmorgen zahlreiche NTW-Journalisten gekündigt. Mehr als 30 von insgesamt 400 Redakteuren unterschrieben eine entsprechende Erklärung, meldete die Nachrichtenagentur Interfax.

dpa/rtr MOSKAU. "Uns bleibt keine andere Wahl", sagte die populäre Moderatorin Swetlana Sorokina. Der einzige landesweit ausgestrahlte Privatsender gerät damit unter die Kontrolle des vom Kreml gesteuerten Gasprom - Konzerns.

Die neue Geschäftsführung traf am Samstagmorgen im Hauptquartier des Senders ein und ließ das Wachpersonal auswechseln. Dieses verweigerte mehreren Journalisten den Zugang. Trotzdem gelang es einigen Wortführern des Protests, das NTW-Programm für einige Minuten zu unterbrechen, um ihre Version der nächtlichen Vorfälle zu schildern.

NTW war bisher als einziger nicht-staatlicher Fernsehsender in ganz Russland zu empfangen. Vertreter des Senders sagten, den Mitarbeitern sei nahe gelegt worden, sich schriftlich zu der neuen Geschäftsleitung zu bekennen oder zu kündigen. Ein Teil der Redaktion wechselte aus Protest gegen die Übernahme durch Gasprom zum Spartensender TNT.

Der Rundfunksender Echo Moskau, der wie NTW zu der Holding Media-Most des Unternehmers Wladimir Gussinski gehört, berichtete, die NTW-Satellitenstrecke in den Fernen Osten Russlands sei gekappt worden. Mehreren Journalisten gelang es um 6 Uhr (MESZ), für vier Minuten auf NTW über die Auswechslung des Sicherheitspersonals und die Aussperrung einiger Kollegen zu berichten. Der Beitrag wurde offenbar über den Sender TNT ausgestrahlt. Dort sendeten die Journalisten für eine halbe Stunde weiter, bevor der Sender zu seinem üblichen Programm wechselte. Auch TNT gehört zu Media-Most. NTW ging gegen 6.40 Uhr (MESZ) auf Sendung, allerdings ohne das Protest-Logo, dass seit Anfang April auf dem Bildschirm zu sehen war. Unter neuer Führung zeigte NTW dann um 8 Uhr erstmals Nachrichten.

Gazprom hatte unter Berufung auf seine faktische Aktienmehrheit am 3. April eine NTW-Hauptversammlung einberufen und den Vorstand ausgewechselt. Die Belegschaft bezeichnete dies als illegal. Sie sieht den Vorgang als einen von Präsident Wladimir Putin betriebene Kampagne und fürchtet um den Bestand des Senders. NTW hatte vor allem kritisch über den Tschetschenienkrieg berichtet. Der Kampf um NTW gilt als Bewährungsprobe für die Pressefreiheit in Russland.

"Das ist eine gewaltsame Besitzergreifung", sagte der Chef der Reformpartei Jabloko, Grigori Jawlinski. Weitere Dumaabgeordneten schlossen sich dem Protest an. Der von Gasprom Anfang April eingesetze neue NTW-Generaldirektor Boris Jordan sprach dagegen von einer "friedlichen Aktion".

Unterstützung erhielten die NTW-Journalisten auch von einem der Gründer des Senders, Oleg Dobrodejew. Die Nachrichtenagentur Interfax meldete, Dobrodejew sei am Samstagmorgen am NTW-Hauptquartier im Sendezentrum Ostankino eingetroffen und habe aus Solidarität den Rücktritt von seinem Posten als Chef des staatlichen Fernsehsenders RTR erklärt. "Heute konnte ich nicht umhin, dort zu sein, wo die Situation brenzlig ist", sagte Dobrodejew der Agentur zufolge am Samstagmorgen bei seiner Ankunft am NTW-Hauptquartier. "Ich könnte nicht als RTR-Chef hier sein", wurde er weiter zitiert. Dobrodejew habe zudem die alte NTW-Geschäftsführung mitverantwortlich gemacht, den Konflikt um den Sender geschürt zu haben.

Gazprom ist nach eigenen Angaben besorgt über die gewachsenen Schulden von NTW und will mit der neuen Geschäftsführung den Sendebetrieb verbessern. NTW-Manager Boris Jordan hatte am Freitag erklärt, er habe die finanzielle Kontrolle über den Sender übernommen. Den Einsatz von Gewalt zur Übernahme der Redaktionsräume hatte er ausgeschlossen.

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