Aussteller setzen auf Computertechnik – Messe wird um drei Tage verkürzt
Die IFA muss sich selbst neu erfinden

Ein Anachronismus geht in die 44. Runde. Die Internationale Funkausstellung in Berlin öffnet am Freitag ihre Pforten. Ein Anachronismus, weil für eine Ordermesse im Elektronikbereich, die alle zwei Jahre stattfindet, eigentlich kein Platz mehr ist in einer digitalisierten Welt, in der Produktzyklen in Monaten gemessen werden, nicht mehr in Jahren.

DÜSSELDORF. Als die Funkausstellung 2001 begann, sprach der Branchenverband GfU (Gesellschaft für Unterhaltungs- und Kommunikationselektronik) noch von einem "Comeback der klassischen Unterhaltungselektronik rund um Fernseher und Musikanlage". DVD-Abspieler standen gerade vor einem Boom. Heute ist von "klassischer Unterhaltungselektronik" kaum noch die Rede.

Kabellose Heimvernetzung, Mediaserver, terrestrisches Digital- Video-Broadcast, kurz DBV-T (also der digitale Fernsehempfang mit einer kleinen Stabantenne), sind die neuen Zauberwörter. Mit Bluetooth oder WLAN erobern kabellose Techniken aus der Computerwelt im Sturm die Wohnzimmer. Mobiltelefone können Bilder aufnehmen, Musik und Videos abspielen

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Festplatten-Rekorder, die statt auf Videobändern auf einer Computerfestplatte Filme abspeichern, und Digitalkameras sind die Renner und die Trends von morgen. Für Digitalfotokameras gaben die Bundesbürger im ersten Halbjahr 2003 rund 40 Prozent mehr aus als im Vorjahr - gut 512 Mill. Euro, fand der Branchenverband GfU heraus. In der 2001er-Statistik zur IFA waren sie noch nicht einmal erwähnt. Der DVD-Abspieler von 2001 gehört längst zur Masse der ausgemusterten Aldi-Paletten-Restposten. DVD-Rekorder haben ihn ersetzt und in der IFA-freien Zeit ihren Siegeszug und die Nachfolge des betagten VHS-Videorekorders angetreten.

Ein "Fernsehgerät" kauft schon lange keiner mehr, heute kommt eine "Home-Cinema-Anlage" mit TV-Flachbildschirm, DVD-Gerät und Surround-Sound-Anlage ins Haus - wenn das nötige Kleingeld zur Verfügung steht. Für flache LCD-Fernsehgeräte - 2001 noch bestaunte Exoten - wurden in Deutschland im 1. Halbjahr 2003 insgesamt 49 Mill. Euro ausgegeben, das waren 360 Prozent mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Plasma-TV-Geräte verzeichneten einen Zuwachs von 220 Prozent auf 82 Mill. Euro.

Es ist also viel passiert seit der letzten IFA. Und wer in der Branche auf dem Laufenden bleiben wollte, musste sich auf den jährlich stattfindenden Messen Consumer Electronics Show in Las Vegas oder auf der Cebit in Hannover umsehen. Dort waren viele Trends bereits zu erkennen. Aber getreu dem Spruch "Totgesagte leben länger" zeigt sich die alte Tante IFA mit 1007 und damit so vielen Ausstellern wie nie zuvor noch immer munter, wenn auch angeschlagen. Um drei Tage wurde die Messe auf Druck der großen Branchenunternehmen verkürzt, die in schweren Zeiten auch die immensen Kosten scheuen.

Doch das reicht noch nicht. Hinter den Kulissen geht das Gerangel um die Zukunft weiter. Die IFA soll lebendiger werden und mehr Unterhaltungscharakter bekommen. Da passt es nicht in die Landschaft, wenn Privat-TV-Sender die Messe verlassen, weil sie die Dominanz der Öffentlich-Rechtlichen Sender stört.

Unschön auch die Konkurrenz aus Leipzig. Die jahrelang mitleidig belächelte und von Messegesellschaften geschnittene Videospiele-Industrie - auf der Cebit 2002 wurden Unternehmen noch gezwungen, Spielekonsolen von den Ständen zu entfernen - hat direkt vor den Toren Berlins ihre eigene Messe hochgezogen und letzten Sonntag mit einem Besucherrekord beendet. Längst ist den IFA-Gewaltigen klar geworden, dass Spielekonsolen ein wichtiger Bestandteil des Home-Entertainments sein werden. Doch jetzt ist es zu spät.

Innovationsgeist ist also gefragt. Die IFA hat sich immer als eine Neuheitenmesse gesehen. Jetzt muss sie sich selbst auch neu erfinden.

Quelle: Handelsblatt

Handelsblatt-Korrespondent Axel Postinett
Axel Postinett
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