Ausstieg aus dem Autogeschäft kein Tabu
Umberto Agnelli: Die Zeit des kleinen Bruders

Sein ganzes Leben stand er im Schatten seines älteren Bruders. Doch Giovanni Agnelli ist todkrank. Deshalb ruht jetzt die ganze Verantwortung für das Agnelli-Reich auf Umberto.

TURIN. Nie war er so wichtig wie heute. Umberto Agnelli weiß das. Bedächtig zündet er sich eine Zigarette an, blickt mit seinen melancholischen Augen in die Runde und wägt seine Worte präzise ab: "Die Beteiligung unserer Familie an Fiat ist strategisch. Das heißt aber nicht, dass dies ewig so bleiben muss."

Eine Bombe dieser Satz! Wäre er dem jüngeren Bruder von Giovanni ("Gianni")Agnelli früher über die Lippen gekommen - wen hätte es gekümmert? Doch heute stehen die Dinge anders. Fiat steckt in der tiefsten Krise seit Jahrzehnten. Gianni, das charismatische Oberhaupt der italienischen Industriellendynastie, leidet an Prostatakrebs. Da spricht der Bruder das Unaussprechliche aus - dass die eherne Verbindung zwischen den Agnellis und Fiat auch beendet werden könnte.

Italien gewöhnt sich in diesen Wochen an den Gedanken, dass der "Avvocato" eines Tages nicht mehr leben wird. Als gesichert gilt, dass an jenem Tage Umberto dessen Rolle als Kopf der Familie übernehmen muss. Denn der persönlich vom Alten erwählte Enkel, John Elkann, 26, ist noch zu jung für die gigantische Verantwortung.

Also muss wenigstens für eine Übergangszeit ausgerechnet der schüchterne Umberto ran. Dieser ewige Zweite, dem trotz seines reifen Alters von 67 Jahren noch immer der Ruf des kleinen Bruders anhaftet. Dass der meist verschlossene Jurist durchaus starke, eigene Positionen vertritt, ist der breiten Öffentlichkeit bislang verborgen geblieben. Zu lang war stets der Schatten, den der weltgewandte Gianni auf ihn warf. Nun aber wird alles, was der "Dottore" sagt, auf die Goldwaage gelegt.

Wird er die Autosparte an General Motors verkaufen? Steht er überhaupt hinter dem Konzern? "Um den Unterschied zwischen den ungleichen Brüdern zu verstehen, muss man eine Sache wissen", erzählt ein Insider bei Fiat. "Umberto war sehr jung, als sein Großvater Giovanni starb. Gianni ist hingegen von dem Gründer des Konzerns noch stark geprägt worden." Die Folge sei, dass Umberto emotional nicht am klassischsten aller Geschäftsfelder von Fiat hänge: dem Auto.

In den 70er-Jahren war er Anhänger einer damals modischen Denkschule, dass das Auto nicht zuletzt angesichts der Ölkrise keine Zukunft habe. "Diese Antipathie gegen das Fiat-Kerngeschäft hegt er bis heute." Umberto Agnelli hat in Finanzkreisen den Ruf, ein geschickter Investor, aber ein schwacher Manager zu sein. In den vergangenen 15 Jahren betrieb er die Diversifikation des Agnelli-Reiches.

Die beiden Familienholdings Ifi und Ifil haben unter seiner Regie massiv in Reiseveranstalter, Hotels und den Einzelhandel investiert. Ein Banker in Mailand meint: "Umberto Agnelli glaubt im Gegensatz zu seinem Bruder, dass die Kronjuwelen der Familie heute eher in den Beteiligungen von Ifi und Ifil stecken als bei Fiat." Im Gegensatz zu seinem Überbruder war Umberto nie ein Lebemann. Mit großer Ernsthaftigkeit hat sich der Asien- und Japan- Fan uneingeschränkt in den Dienst der Familie gestellt. Dennoch blieb sein größter Traum unerfüllt: Er hat Fiat nie geleitet. Schuld daran war ein allzu mächtiger Feind: Enrico Cuccia.

Der vor zwei Jahren verstorbene Gründer und Chef der Mailänder Investmentbank Mediobanca hielt nichts vom siebten Kind der Familie. Gleich zweimal in seinem Leben sollte Umberto an dem Bankier scheitern: 1980 sägte Cuccia ihn als geschäftsführendes Vorstandsmitglied ab und installierte im Gegenzug seinen Ziehsohn Cesare Romiti. 1993 boykottierte der Strippenzieher, dass der jüngere vom älteren Bruder das Fiat-Präsidentenamt erbte. Wieder kam Romiti zum Zuge. Den schwersten persönlichen Schlag musste Umberto Agnelli 1997 hinnehmen, als das älteste seiner drei Kinder, Giovanni Alberto, mit 33 Jahren an einem heimtückischen Krebsleiden starb. Giovanni Alberto galt als Kronprinz der Agnellis und sollte eines Tages dem "Avvocato" nachfolgen.

Eine Aufgabe, die nun bald Giovanni Albertos Vater zufallen könnte.

Quelle: Handelsblatt

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