Austieg und Fall des Nippon-Staates: Von Japan lernen?!

Austieg und Fall des Nippon-Staates
Von Japan lernen?!

Der Aufstieg und Fall der japanischen Wirtschaft gibt Führungskräften ein gutes Beispiel für die Zuverlässigkeit von Management-Theorien.

Jüngere Führungskräfte können sich nicht daran erinnern, dass es kaum zehn Jahre her ist, dass deutsche Manager in Scharen nach Japan pilgerten, um von der dynamischsten Wirtschaftsnation der Welt zu lernen, wie man erfolgreich ist. Und sie kennen die zahllosen Management-Bücher über Japan aus den 80er-Jahren nicht. Sachliche gab es wenige. In fast allen Büchern wurde der japanische Wirtschaftserfolg mystifiziert, mit geheimnisvoller Kulturüberlegenheit der Japaner begründet, oder mit religiös-transzendentalen Elementen romantisch verbrämter fernöstlicher Weisheit.

Die wenigsten Autoren dieser Bücher waren je selbst im Land, außer als Touristen. Kaum einer hatte konkrete Erfahrung in japanischen Fabriken gesammelt. Kaum einer sprach auch Japanisch und hatte somit direkten Zugang zur Bevölkerung. Aber alle wussten, warum man Deutsche, Italiener, Franzosen und Schweizer "japanisieren" sollte. Die Gazetten waren voll von guten Ratschlägen; es war das In-Thema par excellence. In vielen Unternehmen waren die Personalleute und Trainer auf dem Japan-Trip und verabreichten Mitarbeitern und Führungskräften Ausbildungsprogramme über japanisches Management und insbesondere japanische Unternehmenskultur. Schon damals konnte man den Unfug erkennen; heute ist die Blamage offenkundig.

Von Null zur wirtschaftlichen Weltmacht

Aber von Japan kann und soll man trotzdem lernen: erstens, wie man von Null zu einer wirtschaftlichen Weltmacht wird; zweitens, wie man das alles wieder kaputt machen kann, indem man ehern-langweilige Prinzipien des Wirtschaftens aufgibt und sie dem modischen Glamour der Finanzwelt opfert; drittens, wie wenig zu retten ist, wenn Unternehmen so gewirtschaftet haben, und viertens, dass man nicht auf Gurus, und Wunderrezeptverkäufer hören darf. Japan spielt etwas vor, was ein ansehnlicher Teil der Ökonomen für unmöglich angesehen hat: eine Deflation wie aus dem Lehrbuch. Die Lektion ist deshalb wichtig, weil es durchgängige Parallelen in den USA gibt.

In der ersten Phase entstanden die soliden, weil aus harter Arbeit und robusten Strategien resultierenden Nachkriegserfolge, die Japan zur anfangs ignorierten, dann belächelten und zuletzt gefürchteten Weltmarktkonkurrenz machten. Die Erfolgsursachen waren einfach und leicht zu erkennen, außer für jene, die vor lauter fernöstlicher Infantil-Mystik die wirtschaftlichen Tatsachen nicht sehen konnten: lange Arbeitszeiten, kompromisslose Kundenorientierung, Maximierung der Marktstellung, hohe Ersparnisse für produktive Investitionen und niedrige Zinsen. Anders hätten die Japaner aus dem Debakel der totalen Kriegszerstörung nie herauskommen können.

Das böse Ende war unvermeidbar

In der zweiten Phase wurde die Realwirtschaft zuerst durch die Geldwirtschaft ergänzt - und dann verdrängt. Mittel wurden zu Zwecken - Kredit um des Kredites willen; Akquisition um der Akquisition willen; Sparen nicht für Investitionen sondern für Spekulationen. Dazu kamen außerwirtschaftliche Zwecke: Größen, Werte, Summen für die Ego-Trips imperialistischer Manager und Politiker - bestaunt, heroisiert, mystifiziert und als vorbildlich hingestellt durch eine wachsende Zahl serviler, meist westlicher Hofberichterstatter, gebenedeit durch wallfahrende Manager aus dem Westen; und endend in der zweitgrößten Casino-Wirtschaft der Geschichte. Bewertungsexzesse, Hyperspekulation in Aktien, Immobilien, Kunst und was man sonst noch handeln kann, scheinbar endlose Bull-Markets - in Wahrheit war alles nichts anderes als eine auf dem Kopf stehende Pyramide fauler Kredite, die unvermeidbar selbst die beste Realwirtschaft in den Strudel der Deflation reißt.

Der Anfang vom Ende und die dritte Phase begann - ohne Vorwarnung, unspektakulär, scheinbar ohne Ursache und daher völlig unbemerkt und bis heute nicht richtig verstanden - am 30. Dezember 1989 bei einem Nikkei-Stand von rund 39 000 Punkten, der selbstredend nur als Vorstufe für Nikkei 40 000, 60 000 und 100 000 angesehen wurde. Was danach kam, waren "milde Korrekturen...", "gesunde Verschnaufpausen...", "die letzten günstigen Kaufgelegenheiten...", "ein Markt für langfristig denkende Investoren...", "sit and wait...". Wie lange kann man sitzen und warten, wenn man bei Kurs-Gewinn-Verhältnissen von 30, 50 und 70 zwar gekauft ("it?s a new economy"), aber nicht bezahlt ("it?s an new paradigm"), sondern per Kredit finanziert hatte...?

Japan versinkt im deflationären Morast

Heute versinkt Japan, egal welchen Maßstab man nimmt, in einem deflationären Morast. Die Wirtschaft ist in desolatem Zustand. Die Abwicklung der geplatzten Immobilien- und Aktienblase schleppt sich seit zehn Jahren hin, trotz oder wegen zahlreicher Regierungsprogramme. Die wahren Ursachen, die Schulden, will niemand erkennen oder wahrhaben.

Der Nikkei-Index ist von fast 40 000 auf rund 9 000 gefallen. Die Arbeitslosigkeit ist mit 5,5 Prozent die höchste seit einem halben Jahrhundert, wobei die Ziffer massiv geschönt ist. Die Industrieproduktion ist auf einem 14-Jahre-Tief; vor zehn Jahren waren acht der weltgrößten zehn Banken japanische, heute sind es noch zwei, und diese sind technisch praktisch bankrott; die Versicherungsunternehmen stehen in einem Sumpf von Wertberichtigungsbedarf; die Firmenbankrotte stehen auf einem Siebzehn-Jahre-Hoch; der Yen verzeichnet seine größten Verluste seit 1989; das Finanzgeschäft ist praktisch zum Erliegen gekommen. Merrill Lynch, der größte Retail-Broker - nachdem die japanischen, vormals die weltgrößten, untergegangen sind - entlässt in Japan 75 Prozent seines Personals und schließt die meisten seiner Niederlassungen.

Und was tun heute eigentlich die Autoren der Erfolgsbücher über japanisches Managen und Wirtschaften? Sie schreiben Erfolgsbücher über amerikanisches Managen und Wirtschaften.

______________

Unter dem Titel "Malik on Management" gibt der Autor auch einen Management-Letter heraus. Nähere Informationen: www.mom.ch oder Angela.Stupp@mzsg.ch.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%