Australischer Dollar könnte noch weiter zulegen
Hohe Zinsen machen den „Aussie“ attraktiv

Der Kurs des australischen Dollars ist im Verhältnis zum US-Dollar auf den höchsten Stand seit über drei Jahren gestiegen. Die Flucht aus der amerikanischen Währung und hohe Zinsen locken ausländisches Kapital an. Der exportorientierten Wirtschaft bereitet der Wechselkurs aber zunehmend Probleme.

SYDNEY. Der australische Dollar ist gestern auf einen Kurs von 65 US-Cent gestiegen. So teuer war der "Aussie", wie die Valuta im Jargon der Devisenhändler heißt, seit Anfang 2000 nicht mehr. Allein in diesem Jahr legte der australische 16 % zu. Die Devise profitiert zum einen vom Status Australiens als Rohstoff-Lieferant und der Beliebtheit von Rohstoff-Werten bei Investoren. Zum anderen können Anleger in keinem anderen Industrieland höhere Zinsen einstreichen. Der maßgebliche Leitzins beträgt in Australien 4,75 %. Zum Vergleich: Die USA bieten gerade mal 1,25 %. Die australische Notenbank signalisierte am Wochenende, dass eine Zinssenkung nicht anstehe.

Und schließlich hat die Regierung in Washington Spekulationen angeheizt, nicht mehr an einem starken Dollar interessiert zu sein. So kommentiert Devisenhändler Tony Beard von der National Australia Bank, es handele sich vorwiegend um eine "schwache-Dollar-Geschichte". Allerdings sei der Aussie auch von der Zinsseite attraktiv.

Der Chefdevisenhändler der ANZ-Bankengruppe, Paul McNee, sagte, nach dem Anstieg auf die Marke von 65 US-Cent seien Gewinnmitnahmen möglich, allerdings nur kurzfristig. NcNee erwartet sogar, dass das Hoch aus dem Jahr 1999 von 67,45 US-Cent bereits binnen Monatsfrist erreicht werden könnte.

Der dramatische Anstieg bereitet allerdings australischen Exportunternehmen zunehmend Sorge. Nicht nur Rohstoffförderer, auch der Agrarsektor und die Tourismusindustrie beginnen zu spüren, dass ihre Produkte im Ausland Preisvorteile verlieren.

Große Rohstoff-Konzerne wie Rio Tinto, BHP Billiton, MIM Holdings und Western Mining beginnen ebenso unter der Situation zu leiden wie kleinere Bergbauhäuser. Allerdings hängt das Ausmaß des möglichen Schadens wesentlich davon ab, in welchem Umfang sich die Firmen mit Kurssicherungsgeschäften gegen Währungsfluktuationen schützen. Rio Tinto gilt als jenes australische Rohstoffunternehmen, dass am wenigsten so genannte Hedging-Verträge abschließt. Diese Zurückhaltung war wesentlich dafür verantwortlich, dass Rio Tinto über andere Exportfirmen triumphierte, als zwischen Ende 1996 und April 2001 der australische Dollar von 80 US-Cents auf 47,75 US-Cents absackte. Analysten zufolge haben gute Preise für einzelne Rohstoffe die negativen Auswirkungen der Währungssanstieges bisher etwas gemildert. Es sei allerdings nur eine Frage der Zeit, bis die Konkurrenzfähigkeit verschiedener australischer Bergbauprodukte ernsthaft in Frage gestellt werde.

Einen dämpfenden Einfluss auf die Exporteinnahmen könnte der Anstieg schon bald bei den landwirtschaftlichen Produkten haben. Wein war einer der Spitzenperformer unter den australischen Exporten in den vergangenen zehn Jahren. Die Erzeuger können es sich im gnadenlos umkämpften internationalen Markt trotz der ausgesprochen guten Qualität und Nachfrage kaum leisten, den Wein zu verteuern. Produzenten anderer Agrarprodukte wie Wolle, Weizen und Zucker spürten bereits den Kursanstieg, glaubt Saul Eslake, Chefökonom der ANZ-Bank.

Auch die verarbeitende Industrie wird zunehmend nervös. Laut Eslake werden führende Exporteure wie Toyota oder Holden - der australische Arm von General Motors - ihre Ausfuhrprogramme überarbeiten müssen, sollte der Aussie im Verlauf der kommenden zwölf Monate über die Grenze von 70 US-Cents klettern. Die australische Notenbank kam im vergangenen Jahr in einer Studie zum Schluss, dass jede Erhöhung des australischen Dollars um 5 % zu einem vierprozentigen Fall des Exportvolumens verarbeiteter Güter führt.

Und zu keinen schlechteren Zeitpunkt konnte die starke Landeswährung für die Tourismusindustrie kommen. Als größerer Arbeitsplatzbeschaffer als die Bergbau- und die Agrarindustrie erlebt dieser entscheidende Sektor der australischen Wirtschaft einen seit Jahren nicht erlebten Rückgang. Der Krieg im Irak und die Atemwegserkrankung SARS haben bei vielen Tourismusanbietern des Landes zu Buchungsrückgängen von über 50 % geführt. Der Industriedachverband Tourism Export Council rechnet für das laufende Quartal mit einem Rückgang der Besucherzahl aus Übersee von 25 %. "Das würde bedeuten, dass die australische Exportindustrie in einem Quartal alleine 1 Mrd. australische Dollar weniger einnimmt", rechnet Direktor Peter Shelley vor. Dass das Tourismusprodukt Australien noch teurer werden könnte, ist für viele kleine Anbieter geradezu existenzbedrohend.

Urs Wälterlin
Urs Wälterlin
Handelsblatt / Korrespondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%