Ausweg aus der Krise im europäischen Handy-Geschäft
Siemens sucht neue Märkte in Asien

Siemens will in Asien kräftig investieren. Hier wächst der Mobilfunkmarkt noch, und die Margen sind besser als in Europa. Hält der Erfolg an, muss das Werk Shanghai bald erweitert werden.

HONGKONG. In Europa wird Siemens von der Flaute im Handy-Geschäft gebeutelt, fährt die Produktion herunter und reduziert Personal. In Fernost bleibt die Problemsparte des Technologie-Konzerns auf Expansionskurs: Die Märkte wachsen, die Margen stimmen.

Vom harten Sparkurs, den Siemens in Europa fährt, ist in der Hongkonger Asienzentrale nichts zu spüren. "In Fernost werden wir weiter kräftig investieren", verspricht Martin Kinne, der das Handy-Geschäft in der Asien-Pazifik-Region verantwortet. Vor allem das Produktmarketing und die Entwicklung sollen ausgebaut werden. Frisches Geld braucht Kinne, um sein ehrgeiziges Wachstumsziel zu erreichen: Er will auch dieses Jahr den Handy-Absatz in Asien sehr viel stärker steigern als das prognostizierte Marktwachstum. Analysten schätzen dieses immerhin auf 30 %. Anders als zu Hause stimmen in Asien bislang die Margen: "Wir sind damit zufrieden", ist alles, was sich der Manager dazu entlocken lässt. "Sie sind noch immer etwas besser als in Europa." Aus Fernost stammt der Verlust von 143 Mill. Euro offenbar nicht, der für das Handy-Geschäft in der jüngsten Quartalsbilanz klafft.



Der Ferne Osten hat immer noch im Überfluss, was Europas gesättigten Märkten fehlt: Wachstum durch neue Kunden. Im vergangenen Jahr gab es auf dem Kontinent rund 200 Millionen Mobiltelefonierer, die Hälfte davon in China. In drei Jahren wird sich diese Zahl verdoppeln, glaubt man der Prognose der Marktforscher EMC. Wächst Siemens tatsächlich weiter wie geplant, dürfte die Produktionskapazität von zehn Millionen Geräten im Werk Shanghai in absehbarer Zeit knapp werden. Von dort aus wird die ganze Region beliefert.



Asien-Pazifik macht bereits heute rund ein Drittel vom weltweitem Handy-Absatz bei Siemens aus. Dabei sind die Deutschen hier vor drei Jahren als krasse Nachzügler gestartet. Inzwischen haben sie sich in der Region auf den dritten Platz vorgekämpft; in China - mit Abstand größter Markt für GSM-Handys - haben sie gerade Ericsson auf den vierten Platz verbannt. Von den dortigen Marktführern Motorola und Nokia trennt sie aber immer noch ein tiefer Graben: Diese decken jeweils fast ein Drittel des Marktes ab. Siemens kommt nach eigenen Angaben bei den Neuverkäufen auf 12%. Und auf den lukrativen Märkten Japan und Südkorea, wo bislang statt GSM der US-Standard CDMA verwendet wird, tritt der Konzern erst 2002 an: Dann sollen die ersten zusammen mit Toshiba entwickelten UMTS-Telefone der dritten Mobilfunk-Generation an den Markt gehen.



Siemens

sucht in Fernost aber nicht nur aufstrebende Märkte. Kinne fühlt sich auch als Trendscout. Hongkonger zum Beispiel entwickeln gerade einen Hang zum Dritt-Handy; kauf entscheidend ist, ob das Gerät als Modeartikel taugt. Die Halbwertszeit eines neuen Produkts liegt in diesem Prestigemarkt unter sechs Monaten. Und ein Gerät wie das neue SL 45 mit integriertem MP3-Spieler trifft hier auf lebhafteres Interesse als im Westen. "Hier formieren sich Trends, die bald auch für Europa bedeutsam werden", glaubt Kinne, für den Asiens stilbewusste, verspielte und technikbegeisterte Jugend eine Art Schaufenster in die Zukunft der Branche darstellt.



Um Geräte dem fernöstlichen Geschmack anzupassen, pumpen Siemens, Nokia, Ericsson und Motorola viel Geld in lokale Produktentwicklung. Außerdem versuchen sie, in Asiens Markt für Mobilfunk-Anwendungen Fuß zu fassen. "In diesem Bereich hat Asien die Riesenchance, weltweit Bedeutung zu erringen", glaubt Kinne. Den magischen Mix von Spieltrieb, Technikfaszination und verfügbaren Software-Entwicklern sieht er als Startvorteil. Mit einer Reihe von Unternehmen, die meisten Startups, steht Siemens bereits im Kontakt. Die Konkurrenz schläft freilich nicht: Nokia zum Beispiel hat in Hongkong gerade ein Entwicklungszentrum für Mobilfunk-Anwendungen eröffnet. Motorola und Cisco stecken viel Geld in ein ähnliches Projekt in Peking.

Quelle: Handelsblatt
Oliver Müller
Handelsblatt / Korrespondent
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