Auswirkungen des 11. September
Die Versicherer stoßen an ihre Grenzen

Die internationale Versicherer-Elite ist in dieser Woche an der Côte d?Azur versammelt und redet über Konditionen - wie jedes Jahr im September. Diesmal sind die Verhandlungen besonders schwierig und die Köpfe voll mit Erinnerungen an den 11. September vor einem Jahr. Damals schlug die Nachricht von den Anschlägen auf World Trade Center (WTC) und Pentagon mitten in das vertrauliche "Rendez-Vous de Septembre" ein.

DÜSSELDORF. Mit den Folgewirkungen des größten Schadenfalls in der Geschichte der Assekuranz hat sich auch die Genfer Vereinigung für versicherungswissenschaftliche Studien auseinandergesetzt. Das Ergebnis ihrer Studie mit dem Titel "Insurance and September 11 - one year after", die am Dienstag veröffentlicht wird: In der weltweiten Vernetzung von Wirtschaft und Kapitalmärkten stößt das Versicherungsprinzip an seine Grenzen.

Die Tragfähigkeit sowohl für Versicherungsrisiken als auch für Kapitalmarktrisiken wird zurückgehen. Davon ist Allianz-Vorstand Paul M. Achleitner, einer der Autoren, überzeugt. Die industrielle Kundschaft bekommt diese Auswirkungen bereits zu spüren: Für weniger Versicherungsschutz müssen Firmen heute deutlich mehr auf den Tisch legen. Die Aussichten für Anleger sind auch nicht rosig: An der Börse macht sich seit Monaten mangelndes Interesse institutioneller Anleger breit, wozu ganz wesentlich die Versicherer gehören. Und der Allianz-Manager gibt keine Entwarnung, im Gegenteil: "Mit Blick auf die Kapitalmärkte könnte der mehr konservative ,Risikohunger? die allgemeine Nachfrage der Versicherer nach Aktien verringern".

Das Problem: Völlig überrascht musste die Assekuranz nach dem 11. September erfahren, dass ein Schaden von diesem ungekannten Ausmaß sie in der vernetzten Welt gleich dreifach erwischt: Der eigentliche Versicherungsschaden aus den Gebäude-, Betriebsausfall-, Haftpflicht- und Personenversicherungen rund um das WTC-Ereignis wird aktuell auf 40 bis 60 Mrd. US-Dollar geschätzt.

Daneben hat der Sturz an den internationalen Aktienmärkten die Versicherer als größte institutionelle Anlegergruppe nochmals zig Milliarden gekostet. Ein Beispiel: Allein die Kapitalanlagen der Allianz-Gruppe verloren laut Achleitner in den kritischen Tagen mehr als 4 Mrd. Euro an Wert, "verglichen mit einem Versicherungsschaden von 1,5 Mrd. Euro." Hinzu kommt der dramatische Verfall der eigenen Aktien. Laut Goldman Sachs haben die europäischen Versicherungsaktien geschätzte 25 Mrd. Euro an innerem Wert (embedded value) eingebüßt.

Alle Faktoren zusammengenommen schätzen die Experten der Studie den Schaden für die Versicherungswelt auf rund 100 Mrd. Dollar. Zum Vergleich: Der bislang teuerste Versicherungsschaden, Hurricane Andrew in Florida 1992, kostete knapp 20 Mrd. Dollar.

Weil einzelne Versicherer mit solchen Größenordnungen überfordert wären, sichern sie sich gegenseitig ab. So gelangt mehr als die Hälfte solcher Größtrisiken auf den internationalen Rückversicherungsmarkt, der von den Europäern dominiert wird. Die Großhändler unter den Versicherern tragen die Hauptlast und geben den Ton an. Das System funktioniert aber nur, so lange sich die Einzelrisiken in den Portefeuilles der Versicherer geographisch und zeitlich ausgleichen. Mit anderen Worten, es darf nicht überall gleichzeitig krachen. Doch hier liegt das Problem.

Der Terroranschlag in den USA hat der Branche die Augen darüber geöffnet, wie abhängig die moderne Weltwirtschaft heute voneinander ist, und "dass ein enormer Einzelschaden das gesamte Sicherheits-System treffen kann", mahnt Hans-Jürgen Schinzler, Chef der Münchener Rück und damit mächtigster Versicherer der Welt, in der Studie an. "Selbst für Versicherer gibt es Grenzen", resümiert er.

Er hofft ebenso wie seine Mitautoren, dass die Versicherer aus dem Septemberschock ihre Lehren ziehen - sowohl für die Versicherungstechnik als auch die Kapitalanlage und vor allem den unterschätzten Zusammenhang zwischen beidem. Beispielsweise müssten zahlreiche Risiken in der Sach- und Haftpflichtversicherung neu bewertet, auf eine Anhäufung ihrer Gefahren hin untersucht und begrenzt werden. An Terror-Risiken könne man sich nur step by step unter Beteiligung des Staates heranwagen. Und die neue Anlagestrategie dürfte davon geprägt sein, dass Staatsanleihen weniger Schwankungsrisiken bergen als Aktien.

Insofern passt die aktuelle Diskussion in der EU über ein Aussetzen der Maastricht-Kriterien ins Bild: Die Mitgliedstaaten könnten mehr Anleihen auflegen - und an die Versicherer verkaufen.

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