Auszeit-Angebot kommt vielen Mitarbeitern gelegen
Der Ruf der Freizeit

Sparen in der Krise: Massenentlassungen müssen nicht sein. Um Kündigungen zu vermeiden schicken viele Unternehmen ihre Mitarbeiter mit gekürzten Bezügen in den Urlaub.

Brigitte Reiter hat keinen Job - und ist trotzdem gut drauf. "Das passt im Moment prima", freut sie sich. Die Erklärung: Ihre Arbeitslosigkeit ist auf ein halbes Jahr beschränkt. Danach darf die Siemens-Veteranin wieder an ihren alten Arbeitsplatz zurückkehren.

Nach 33 Jahren Betriebszugehörigkeit hat sich die 52-Jährige entschieden, eine Auszeit zu nehmen und damit auch ihrem Unternehmen zu helfen. Zuletzt hatte Reiter für eine Mobilfunktochter von Siemens gearbeitet. Dort war die IT-Sicherheitsexpertin für Trainings verantwortlich, zeigte den Kunden etwa, wie sie E-Mails hackersicher verschicken können. Bis zum ersten September.

Unverhofft soft - so lässt sich die Personalpolitik vieler Unternehmen angesichts der aktuellen Konjunkturdelle beschreiben. Viele Firmen lassen die Axt im Schrank und versuchen stattdessen, mit innovativen Maßnahmen Personalkosten zu sparen: Mit Auszeit statt Abschied und Kürzertreten statt Kündigung.

Vorreiter ist Siemens Information and Communication Mobile (ICM). Die Handysparte des Münchner Unternehmens hat Brigitte Reiter und 14 000 ihrer Kollegen im September einen begrenzten Ausstieg angeboten. Mitarbeiter außerhalb des Top-Managements können dabei zwischen 3 und 12 Monaten Auszeit nehmen, bei reduziertem Gehalt. Sinn des Programms ist es, Entlassungen zu verhindern: "Wir möchten gute Mitarbeiter trotz schwieriger Zeiten nicht verlieren", erklärt PR-Managerin Andrea Rohmeder von ICM.

Viele Mitarbeiter warten geradezu auf ein Auszeit-Angebot

Bei den Arbeitnehmern sind diese Maßnahmen beliebt. Bis zu 200 Interessenten meldeten sich bei Siemens ICM innerhalb weniger Wochen - trotz herber Lohnabstriche. Brigitte Reiter etwa wird während der Pause nur 40 Prozent ihres Bruttolohns erhalten.

Aber nicht nur Brigitte Reiter scheint auf das Auszeit-Programm gewartet zu haben. Es rühren sich bereits erste Nachahmer: "Eine Firma aus der Internetbranche hat schon angerufen und sich erkundigt", berichtet PR-Frau Rohmeder. Woher der Anruf kam, möchte sie nicht sagen. Andere Nachahmer haben sich dagegen schon erklärt: "Wir planen ein ähnliches Modell", berichtet Katja Schlendorf, Pressesprecherin bei Infineon. Außerdem wurde in zwei deutschen Werken Kurzarbeit angemeldet.

Entlassungen zu verhindern ist auch bei den Unternehmensberatungen oberstes Ziel. Accenture etwa hat bereits 300 Mitarbeitern eine Auszeit mit gekürztem Gehalt angeboten. Für Schlagzeilen sorgte das Unternehmen in letzter Zeit besonders mit seiner Politik bei den Neueinstellungen: "Wir haben 250 Leute in Deutschland angeschrieben, ob sie nicht vier bis sechs Monate später anfangen können", erklärt Marketingleiter Ulf Henning. Genauer gesagt: Die Hälfte davon wurde zum verspäteten Arbeitsbeginn gezwungen, nach dem Motto: Ihr kommt später - oder gar nicht. Dafür gab es einen Übergangsbonus in Höhe von 10 000 Mark. Die Branche hat sich verändert: "Es gibt schon neueingestellte Berater ohne ein einziges Projekt", berichtet Herman Simon, Chairman von Simon-Kucher & Partners, Bonn, von der Konkurrenz.

Angst vor Wissensverlust

Eine andere stellensichernde Maßnahme indes scheint unbeliebt zu bleiben: Gehaltskürzungen stehen bei den wenigsten deutschen Unternehmen auf dem Plan. Bei Accenture-Beratern wird lediglich die jährliche Gehaltserhöhung geringer ausfallen. In anderen Unternehmen heißt es zu diesem Thema: Noch keine Entscheidung.

Auch an die nicht-monetären Gehaltsbestandteile wagt man sich nicht heran - selbst New-Economy-Schmankerl vom Hemdenbügelservice bis zur kostenlosen Einkaufshilfe sind anscheinend Tabu. "Frisches Obst und die Fresh-up-Massage am Arbeitsplatz werden wird auch weiter anbieten", berichtet Michael Kläver von der Direktbank Consors. Dabei geht es dem Unternehmen beileibe nicht gut: Ein millionenschweres Einsparprogramm wurde jüngst beschlossen, 15 Prozent Kürzungen querbeet sind geplant. Aber: "Die Convenience-Maßnahmen bleiben." Auch bei Accenture wird der Gratis-Obstkorb nicht aus dem Bürobild verschwinden. Ulf Henning: "Das ist nicht die Differenzierung, die es letztendlich bringt."

Mit bezahlten Auszeiten und Gratismassagen soll also vielerorts die Wirtschaftskrise überstanden werden. Warum sind die meisten Unternehmen eigentlich so zögerlich mit Entlassungen? "Unsere Mitarbeiter sind wertvolle Wissensträger, die wollen wir nicht verlieren", sagt Katja Schlendorf von Infineon.

Konjunktur entscheidet über zukünftige Entwicklung

Eine Aussage ganz gemäß dem Zeitgeist: Unternehmen stellen die Mitarbeiter in den Mittelpunkt, um das wertvolle Wissen in deren Köpfen zu behalten. Erich Staudt liefert die harte wirtschaftliche Erklärung: "Das ist reine Kapazitätsdenke", glaubt der Professor vom Institut für angewandte Innovationsforschung an der Ruhr Bochum. -Universität Die Unternehmen wüssten, dass Fachkräfte auch in Zukunft knapp bleiben. Andererseits herrsche Unsicherheit darüber, wie lange die Konjunkturdelle noch andauert. In dieser Lage sei nun einmal die beste Strategie, Mitarbeiter so lange zu halten wie möglich, so Staudt.

Ob der Schmusekurs beim Personalabbau weitergeht, entscheidet also letztendlich die Konjunktur. Heiner Schaumann, Pressesprecher beim gebeutelten Softwarehersteller Intershop bringt es auf den Punkt: "Das beste Programm zum Halten von Mitarbeitern ist Umsatz."

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