Auto ohne Video schon reif fürs Museum
Das voll vernetzte Auto wird zum Trendsetter

Lynn Kronk gerät ins Schwärmen, wenn sie von ihrem Computer im Auto erzählt. "Ich könnte mir nicht vorstellen, je wieder ohne ihn auszukommen", sagt die Immobilienmaklerin aus Alabama. Der Rechner ist im Kofferraum versteckt, der Monitor in das Armaturenbrett eingebaut, die Tastatur passt ins Handschuhfach.

afp WASHINGTON. Über das Handy wird der Zugang zu Internet und E-Mail hergestellt. Die Technik erlaubt es Kronk, einen Großteil ihrer Arbeit im Wagen zu erledigen. "In unserem hart umkämpften Geschäft ist jede eingesparte Zeit eine Zeit, die wir für den Kundendienst gewinnen", sagt sie. Das voll vernetzte Auto liegt in den USA im Trend. Die Palette reicht von der elektronischen Büroausstattung über Ansagedienste für Aktienkurse und Wetter bis hin zu Video und TV. Doch die Behörden machen sich zunehmend Sorgen, dass abgelenkte Autofahrer zum Sicherheitsrisiko werden.

Kronk ließ sich ihr Computersystem vor zwei Jahren von der Firma Q-PC einbauen. Per Knopfdruck öffnet sich das Armaturenbrett rechts unterhalb des Lenkrades, und der kleine Bildschirm gleitet sanft heraus. Er ist über Kabel mit dem Rechner im Kofferraum verbunden. Die Tastatur hat eine Infrarot-Schnittstelle, braucht also kein Kabel. Die 53-Jährige ist begeistert von den Vorteilen, die ihr die Bürotechnik an Bord verschafft: Über das Internet hat sie stets Zugang zur aktuellen Liste der Immobilienangebote. Ihre Kunden kann sie schon im Wagen virtuelle Spaziergänge durch angebotene Häuser unternehmen lassen. Außerdem nutzt sie das Navigationssystem, um die kürzesten Wege zu den Immobilien zu finden.

Mit ihrer Kommunikationstechnik kommen die Autoausrüster den Bedürfnissen einer Gesellschaft entgegen, die einen großen Teil ihrer Zeit im Wagen verbringt. Der durchschnittliche Autofahrer in den USA sitzt rund 500 Stunden jährlich hinter dem Steuer - das sind fast drei Wochen. Firmen wie Q-PC oder Go Office.com bedienen vor allem Geschäftsleute, die keine Zeit verlieren wollen. Go
Office.com bietet einen Mini-Schreibtisch an, mit Fach für den Drucker und Platte für das Laptop. Das Ganze wird mit dem Sicherheitsgurt auf dem Beifahrersitz befestigt. Und General Motors (GM) hat mit "Onstar" schon über eine Million Kunden gewonnen. Das System identifiziert die Stimme des Nutzers und nimmt Befehle entgegen. Ohne die Hände vom Lenkrad zu nehmen, kann der Fahrer telefonieren, Pannenhilfe oder Konzertkarten organisieren, sich E-Mails, die Börsenkurse oder den Wetterbericht vorlesen lassen.

Andere Geräte dienen vor allem der Unterhaltung. Für viele Kinder in den USA ist ein Wagen ohne Video, TV oder DVD schon ein Kandidat fürs Technikmuseum. "Wir erweitern die Definition eines Autos. Es geht nicht mehr nur um Transport - er hilft Dir auch, deine täglichen Aufgaben zu erfüllen: Kommunikation, Information, Navigation und Unterhaltung", heißt es bei GM. Nach Angaben der Marktforschungsgruppe Strategis Group werden bis Ende des Jahres 2,4 Millionen Wagen in den USA mit Telematik-Systemen nach Art von "Onstar" ausgestattet sein, bis 2005 schon 17 Millionen Wagen.

US-Gesetze setzen dem vernetzten Auto fast keine Grenzen

Verkehrssicherheitsexperten sehen die Entwicklung mit Sorgen. Nach Angaben der Highway-Behörde NHTSA werden 20 bis 30 % der Autounfälle durch Ablenkung des Fahrers verursacht. US-Gesetze setzen dem vernetzten Auto fast keine Grenzen. Bisher beschloss nur im Bundesstaat New York das Regionalparlament ein Handy-Verbot am Steuer; ansonsten gibt es solche Verbote nur in einigen Kommunen. Die NHTSA erforscht nun Risiken der Kommunikationsmittel an Bord. Laut Behördensprecher Michael Goodman bieten selbst Systeme wie "Onstar", die ohne manuelle Bedienung auskommen, keine Sicherheitsgarantie. Schon "mentale Ablenkung" sei ein Risiko.

Lynn Kronk jedenfalls versichert, dass sie ihren Wagen immer abstellt, bevor sie am Computer arbeitet. Um die Nutzung während der Fahrt zu verhindern, wurde die Tastatur so eingerichtet, dass sie mit einer Hand schwer zu bedienen ist: Der Trackball - eine Art umgedrehte Computer-Maus - liegt links oben, die Tasten zum Anklicken rechts oben.

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