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Autobauer kommen unter die Räder

Die deutschen Autobauer kämpfen mit massiven Problemen in China. Vor allem Daimler-Chrysler hat sich verschätzt. Die Jeep-Produktion gerät zum Desaster.

PEKING. Bäng." Auf dem alten Blumenmarkt in Peking schlägt eine junge Chinesin zornig die Tür ihres Jeeps zu. "Der Anlasser funktioniert wieder mal nicht", faucht sie. "Heute Morgen hat mich schon die Polizei angehalten, weil die Alarmanlage nicht ausging." Yang Ching, so der Name der Frau, fährt ihren Beijing Jeep erst seit vier Jahren. "Doch außer dem Motor wurden schon alle Teile ausgetauscht. Ich bin jeden Monat in der Werkstatt", erzählt sie und ist immer noch rot vor Wut. "Tuo La Ji" nennt sie ihr Geländefahrzeug, was so viel wie Traktor heißt und eine Anspielung auf den chinesischen Namen des Beijing Jeeps, "Qie No Ji" ist.

So wie Yang Ching denken offenbar viele Chinesen, denn das Beijing Jeep Joint Venture, an dem Daimler-Chrysler 47 Prozent der Anteile hält - den Rest zur Stadtregierung gehörende Partner - steckt in existenziellen Nöten. Ein Besuch beim größten Vertragshändler des Unternehmens in China zeigt warum. "Wir haben im April nur 50 Autos abgesetzt", sagt der Verkäufer Wang Jin Yuan. Und das, obwohl der Langtaosha genannte Händler an der alten Flughafenstraße nördlich der chinesischen Hauptstadt ein Drittel aller Beijing-Jeep-Verkäufe in China bestreitet. Beijing Jeep verkaufte in ganz China im ersten Quartal nur 300 Autos, ein Marktanteil von 0,2 Prozent. Vom neuesten Modell, dem Grand Cherokee, "verkaufen wir nur ein bis zwei im Monat", gesteht Wang. "Von November bis März wurde die gesamte Produktion im Werk angehalten, außer für den Grand Cherokee", berichtet er.

Nur vier Jeeps auf 500 Quadratmeter

Wie miserabel die Lage ist, bestätigt auch der Chef von Langtaosha, Hu Jing Yang: "Mit Reparaturen verdiene ich derzeit mehr als mit Verkäufen." Sein 500 Quadratmeter großer, dunkel verglaster Verkaufsraum in dieser staubigen Gegend von Peking ist gähnend leer. Nur vier Jeeps sind ausgestellt.

Nicht nur Daimler-Chrysler, auch VW und BMW haben derzeit Probleme in China. Im Februar brachen die Verkäufe des Marktführers VW um 31 Prozent ein. Schon im Januar lag - erstmals seit vielen Jahren - der Marktanteil des Wolfsburger Konzerns in China unter 50 Prozent. Grund sind unter anderem Nachbauten der Chinesen.

Schlimme Kunde hat zuletzt auch BMW erreicht. Die Bayern wollen mit dem Minibushersteller Brilliance in Shenyang ab Ende des Jahres 3er- und 5er-Modelle bauen. Doch Brilliance, so berichten lokale Zeitungen übereinstimmend, ist in eine bedrohliche Schieflage geraten.

Am dramatischsten aber sieht es für Daimler-Chrysler aus, wie sich in der Shuang Jing Lu zeigt. Sie wurde früher "Cherokee-Straße" genannt wurde, weil hier am Ostrand der City viele Verkaufsräume und Werkstätten des Unternehmens das Straßenbild prägten. Doch heute steht hier einsam der weiße Torbogen als Eingang zur Fabrik von Beijing Jeep. "Hier haben mal 8 000 Leute gearbeitet", berichtet eine Verkäuferin in schmuddeligem Blaumann, "aber 5 000 haben sie nach Hause geschickt, und die restlichen 3 000 arbeiten kurz."

"Daimler hat nie eine richtige Marktstudie gemacht und sich immer darauf verlassen, dass staatliche Stellen schon genügend Autos kaufen. Jetzt sind die Straßen in China so gut, dass man Jeeps kaum noch braucht. Und im Sommer werden die Benzinpreise wegen der Umlage verschiedener Steuern um 100 Prozent steigen", sagt der Chefredakteur der chinesischen Auto Motor Sport, Meng Ji. Ein Desaster für Jeeps, die 15 Liter auf 100 Kilometer schlucken können. "Wir verkaufen die Beijing Jeeps kaum noch", sagt auch der Händler Sun Wenguang in der Asian Games Village, Chinas größtem Automarkt.

Die Verkäuferin am Beijing-Jeep-Werk war schon angestellt, als 1983 der staatliche Autobauer Beijing Automotive Industry und American Motors Corp. gemeinsam den Beijing Jeep starteten. Chrysler erbte 1987 das Unternehmen. Elf Jahre später fiel es bei der Fusion Daimler-Chrysler zu. "Im Augenblick fertigen wir hier pro Arbeitstag nur 20 Jeeps", sagt die Frau, und berichtet, dass im Zentrallager im Südosten Pekings über 8 000 Jeeps vor sich hinstaubten. Nur jeder zweite Tag ist bei Beijing Jeep ein Arbeitstag. Im Klartext: Das Werk ist - gemessen am geplanten Jahresabsatz - zu höchstens zehn Prozent ausgelastet.

Manager wird kurz vor dem Interview krank

Ein Bankrott drohe, berichten lokale Zeitungen. Ein deutscher Banker in Peking weiß: "Seit zwei Jahren machen sie große Verluste, und derzeit können sie Kredite an staatliche Banken nicht tilgen." Ein Versuch, all diese Angaben zu überprüfen, scheitert. Der angesprochene Daimler-Chrysler-Manager wird kurz vor dem Interview krank und gesteht, dass Stuttgart ihm einen Maulkorb verpasst hat.

Kein Wunder, denn der Konzern hat in China weitere Probleme: Gangster bedrohen einen Manager des Hauses. Der wollte, um Kosten zu senken, Lieferketten kürzen und einen chinesischen Mittelsmann aussparen. Ein unzufriedener chinesischer Kunde ließ außerdem unlängst auf dem Marktplatz der zentralchinesischen Stadt Wuhan vor laufenden Kameras mit Vorschlaghammern seinen S-Klasse-Mercedes zertrümmern. Ein PR-Desaster, obwohl viele Chinesen dem westlichen Konzern glauben, dass der wütende Direktor eines zoologischen Gartens schlechtes Benzin benutzte und überreagierte.

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